Sport : Treten aus Tradition

Thaiboxen ist in Thailand seit 450 Jahren Nationalsport und bietet jungen Menschen immer noch die Chance zu sozialem Aufstieg

Jörg Petrasch[Bangkok]

Andere Länder, andere Sitten. Auch im Sport gilt dieser Satz. Wir beschreiben Ihnen in loser Folge, welche Sportarten Nationen prägen, und warum das so ist.

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Oft sieht es aus wie ein heftiges Gerangel. Zwei Boxer halten sich mit den Armen fest und treten mit den Knien gegen den Körper des Gegners, in die Milz, in den Magen, an den Rücken. Dann wieder trennen sie sich und schlagen mit den Fäusten, die in Box-Handschuhen stecken und beim Auftreffen dieses typische Geräusch von sich geben, wenn die Luft blitzartig aus ihnen entweicht. Die Haut der Kämpfer ist feucht von Schweiß und Blut. Die Luft ist dunstig, das Publikum raucht, und es schreit und johlt bei jedem Schlag. Musik spielt. Bei Treffern mit den Knien oder den Schienbeinen, wobei sich die Kämpfer wie eine Sichel um die eigene Achse drehen, ist es geradezu entzückt. Die Arme gehen nach oben und wedeln, Wetten werden platziert. Das will das Publikum sehen im Lumpini-Stadion zu Bangkok, das macht Eindruck in Thailand.

Thaiboxen oder „Muay Thai“ ist Volkssport in Thailand. Es gilt als eine der härtesten und wirkungsvollsten Kampfsportarten der Welt. Die sonst so friedfertigen und rücksichtsvollen Thailänder, die in der Öffentlichkeit selten laut werden, geraten bei Muay-Thai-Kämpfen regelmäßig aus der Fassung. Für das buddhistische Land vielleicht eine Art Kompensation. Als Ausländer wird man im Stadion auf der Tribüne dann gern etwas abseits der Menge platziert. Die Thais bleiben lieber unter sich, wenn sie jubeln: Was im Fußball vielleicht ein Fallrückzieher in den Torwinkel ist, ist beim Thaiboxen ein „Round Kick“, ein Rundumschlag mit dem ausgestreckten Fuß, am besten an den Kopf des Gegners. Das ist kein willkürliches Treten, das ist Konzentration gepaart mit Artistik.

Ein Kampf ist in fünf Runden zu je drei Minuten aufgeteilt. Rundenlanges Abtasten – wie es etwa oft beim Boxen der Fall ist – gibt es nicht. Angriff ist gefragt, jeder will schnell und deutlich zeigen, was er kann. Während des Fights begleitet ein kleines, meist nur dreiköpfiges Orchester mit Flöten und Trommeln den Kampf und heizt die Stimmung unter den Zuschauern und im Ring auf. Die Musiker beschleunigen oder bremsen den Kampf durch ihren Rhythmus, am Ende einer Runde wird meist die Taktzahl erhöht.

Wer es in Thailand als Profi geschafft hat, boxt in der Hauptstadt Bangkok. Dort befinden sich die zwei wichtigsten und größten Arenen des ganzen Landes: das Rajdamnoen-Stadion und das Lumpini-Stadion. Die modernen Amphitheater Thailands sind das, und im Ring feiern die Fans die modernen Gladiatoren Südostasiens, für die Schmerzen und Blessuren eine Selbstverständlichkeit sind. Sie sind Resultate einer Kampfsportart, bei der neben den Fäusten, auch aus der Drehung, die Füße, Knie und Ellenbogen eingesetzt werden dürfen. Trefferfläche ist der ganze Körper, abgesehen vom Unterleib. Die Fußschläge werden oft mit solch einer Wucht ausgeführt, dass auch der Schlagende beim Treffen zu Boden fällt. Nachtreten ist zwar verboten, genau wie Beißen und Stöße mit dem Kopf. Erlaubt ist den Profis dagegen etwas anderes: das Haupt des Gegners mit den Fäusten herunterzudrücken und das Knie in dessen Gesicht zu rammen.

Wegen solcher Knie- und Ellenbogentechniken, die zum Beispiel beim verwandten Kickboxen verboten sind und beim Thaiboxen in Europa nicht gegen den Kopf ausgeführt werden dürfen, gilt Muay Thai außerhalb Thailands als brutale Sportart. Thaiboxen ist fest in der Geschichte des Landes verankert, weil es sich aus alten Kriegskünsten der Soldaten entwickelt hat.

Mehr als 2000 Jahre musste sich das Königreich gegen Eroberungsversuche von Nachbarvölkern zur Wehr setzen. Aus Mangel an nützlichen Waffen bildeten die Thais eine Kampfkunst aus, die im Nahkampf extrem effektiv ist. Seit etwa 450 Jahren ist Muay Thai als Nationalsport verbürgt. Früher wurde es in Schulen als vormilitärische Ausbildung gelehrt, aber ohne Gewichtsklassen oder zeitlich limitierte Runden. Turniere wurden auf Leben und Tod ausgefochten, ohne Schutzausrüstung. Bis schließlich 1929 Regeln eingeführt wurden: Box-Handschuhe, Tiefschutz, Gewichtsklassen.

Gute Thaiboxer sind in ihrem Heimatland so populär wie Profifußballer in Europa. Für viele der rund 61 Millionen Einwohner Thailands ist ihr Nationalsport der einzige Weg zum sozialen Aufstieg. Daher schicken vor allem arme Eltern aus ländlichen Gebieten ihre Söhne mit sieben, acht oder neun Jahren in Trainingcamps, in der Hoffnung, dass sie später einmal die Familie ernähren können. Bereits im Kindesalter werden die ersten Kämpfe ausgetragen. Wer gut ist, kann da schon Geld verdienen. Später muss der Gewinn mit dem Promoter und dem Boxstall geteilt und der Trainer bezahlt werden.

Mit nur 25 Jahren beenden die meisten Thaiboxer ihre Karriere. Erfolgreiche Kämpfer haben in diesem Alter finanziell ausgesorgt, sie haben im wahrsten Sinnes des Wortes genug Schmerzensgeld verdient. Denn die Laufbahn hat viel Disziplin erfordert. Rund zwei Jahrzehnte lang achtstündiges tägliches Training liegen hinter dem ehemaligen Profi, der in seiner Karriere Tag und Nacht im Boxstall verbringen musste. Der Körper des Boxers hat viele Schläge und Tritte abbekommen.

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