Sport : Triathlon: Der ganz persönliche Mount Everest

Stefan Liwocha

Das Bild ging um die Welt. Erik Weihenmayer stand im Juni auf dem höchsten Gipfel der Welt. Berauscht vor Glück. Vor ihm bezwangen schon etliche Bergsteiger den 8848 Meter hohen Mount Everest, doch der Amerikaner ist der erste Blinde. Eine unvorstellbare Leistung. Regina Vollbrecht hörte in den Nachrichten davon. "Zuerst konnte ich es nicht glauben", erzählt die Berlinerin, "und ich weiß wirklich nicht, wie er es geschafft hat." Die 24-Jährige kann sehr gut einschätzen, wie sensationell Weihenmayers Gipfelsturm war. Denn Regina Vollbrecht ist ebenfalls blind. Wie der 33-Jährige Bergsteiger hat sich auch die junge Frau ein besonders sportliches Ziel gesteckt. Allerdings ein paar Nummern kleiner. Ihr Hindernis liegt im fränkischen Roth, wo heute 2641 Triathleten aus 40 Nationen beim 14. Ironman Europe starten werden.

Natürlich werden diesmal erneut die Profis im Mittelpunkt stehen. Sie können ein Preisgeld von 150 000 Dollar gewinnen, falls sie die 1997 vom Belgier Luc van Lierde aufgestellte Weltbestzeit von 7:50:26 Stunden knacken. Regina Vollbrecht denkt in ganz anderen Dimensionen. "Ich hoffe, dass ich es schaffe und das Ziel erreiche", sagt die Athletin des Berliner Blindensportvereins, "15 Stunden sind das Limit, eine Zeit darunter wäre klasse." Vollbrecht kann in Roth Geschichte schreiben. Und zwar als erste blinde deutsche Triathletin, die die schmerztreibende Tortur mit 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen erfolgreich absolviert. Doch es geht ihr weniger um den Eintrag in die Annalen als vielmehr um das Gefühl, etwas Außergewöhnliches geleistet zu haben.

Eine wichtige Rolle spielt Harald Vollbrecht (45), der seiner Frau während des gesamten Rennens zur Seite stehen wird. Denn ohne die Hilfe eines Sehenden ist ein Ironman-Abenteuer natürlich nicht zu bewältigen. Beim Schwimmen sind beide mit einem abgeschnittenen Fahrradschlauch miteinander verbunden, das Radfahren geht per Tandem, und beim Marathon erleichtert eine Schnur die Orientierung.

Die Vollbrechts aus Berlin-Tempelhof sind ein erfahrenes Team. Allein mit dem Tandem haben sie bereits über 20 000 Kilometer zurückgelegt, darüber hinaus trainieren sie fünfmal pro Woche Schwimmen und Laufen. Doch das zweisitzige Fahrrad hat in ihrem Leben eine besondere Bedeutung, lernten sie sich doch bei dem Berliner Tandem-Pilotprojekt kennen. Und natürlich lief die Hochzeitsreise 1998 in Neuseeland nicht ohne eine zünftige Fahrradtour ab. Ein "fantastisches Erlebnis" für Regina Vollbrecht, die seit ihrer Geburt durch eine Netzhautablösung blind ist, aber seit jeher sehr couragiert mit ihrem Schicksal umgeht. Regina Vollbrecht will als gutes Beispiel vorangehen, ohne dabei im Rampenlicht zu stehen. "Vielleicht werde ich ja durch den Ironman in Roth zum Vorbild für andere Blinde", sagt die 24-Jährige. Das reicht ihr.

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