Triathlon : Die Magie der Qual

Der Athlet muss Wellen, Wind und wetter lieben: Wie Timo Bracht den Ironman-Triathlon auf Hawaii gewinnen will.

Frank Hellmann[Frankfurt am Main]
Bracht
Eiserne Qualen. Der deutsche Triathlon-Profi Timo Bracht bereitet sich auf der Ironman-Radstrecke in Kailua-Kona vor. -Foto: dpa

Vorsicht scheint derzeit auf Big Island, der größten Insel des US-Bundesstaates Hawaii, vonnöten. Deshalb stehen gelbe Warnschilder direkt am berühmt-berüchtigten Queen Kaahumanu Highway, halb auf dem flimmernden Asphalt, halb in den Lavafeldern, auf der Strecke zum Wendepunkt auf der Insel. „Caution. Ironman athletes in training“, lautet die Aufschrift. Nötig ist der Hinweis eigentlich nicht mehr. Hawaii ist in der zweiten Oktoberwoche fest in Hand von Sportlern, die sich einem mystifizierten Dreikampf zu Wasser und Lande verschrieben haben. Hawaii ist seit 1978 die Wiege des Ironman und bis heute die härteste Herausforderung, die die Boomsportart Triathlon zu bieten hat. Startschuss ist Sonntag früh um 6.45 Uhr Ortszeit (Samstag 18.45 Uhr MESZ). Rund acht Stunden später wird der Sieger das Ziel erreichen.

Wer hier bestehen will, muss seinen eigenen Code knacken. Nirgendwo sonst reagiert der scheinbar berechenbare menschliche Körper so unberechenbar. Wer der kompletteste Athlet der Welt werden will, muss die hitzigen Bedingungen annehmen: Wellen, Wind und Wetter lieben, und nicht hassen. „Die Magie speist sich daraus, dass das Rennen unheimlich hart ist“, sagt Timo Bracht. Noch ist der 34-Jährige vor Ort nur mäßig populär, zweimal ist er schon Europameister geworden, aber noch nie Weltmeister. Normann Stadler (2004 und 2006) und Faris Al Sultan (2005) haben sich diese Krone aufgesetzt, Bracht arbeitet darauf hin. „Es wird eine harte Abwägung, wie viel man riskiert“, sagt Bracht mit Blick auf das diesjährige Rennen. „Ich will mehr riskieren als 2008.“ Im letzten Jahr blieb er sieben Stunden lang an der Seite des späteren Siegers Craig Alexander, wurde dann aber als Fünfter nachträglich disqualifiziert, weil er eine Verwarnung übersehen hatte.

Bracht setzt auf Nachhaltigkeit im Training. „Ich will gewinnen, aber mein Lebensentwurf als Sportler basiert nicht darauf, dass ich nur ein kurzer Nummer- eins-Hit bin.“ Die Chancen Brachts vorauszusagen, ist schwierig. Es gibt einige Favoriten: den Vorjahressieger Craig Alexander aus Australien, dessen Landsmann Chris McCormack, den Amerikaner Andy Potts, den neuseeländischen Newcomer Terrenzo Bozzone und einige andere. „Es ist ein gutes Rennen für kräftige Athleten“, sagt der Mannheimer Norman Stadler. Der 36-Jährige ist zum zehnten Mal dabei, zweimal konnte er in Hawaii bereits siegen.

Natürlich bleibt das Misstrauen bei solch extremen Leistungen nicht aus. Und es gibt kaum extremere als 3,8 Kilometer im welligen Pazifik zu schwimmen, 180 Kilometer auf glühendem Asphalt bei böigen Mumuku-Winden Rad zu fahren und 42,195 Kilometer zu laufen. Die amerikanische Antidoping-Agentur Usada zeichnet für die Urin- und Blutkontrollen nach dem Wettkampf verantwortlich, doch erforderlich wäre ein Kontrollprogramm mit unangemeldeten Bluttests und Profilen in der Trainingsphase, sagen Kritiker. Die World Triathlon Corporation (WTC), allen voran ihr Präsident Ben Fertic, verspricht baldige Verbesserung.

Die Deutschen Bracht und Stadler verhalten sich in dieser Hinsicht vorbildlich: Sie gehören im Rahmen eines von der Nationalen Anti-Doping-Agentur Nada durchgeführten Projekts nicht nur zu den am meisten kontrollierten Triathleten der Welt, sondern lassen ihre Proben auch für Nachuntersuchungen einfrieren. Bracht stellt überdies sein Blut der Uni Bayreuth für eine Studie der Wada zur Verfügung. Werte wie Hämatokrit, Hämoglobin und Hämoglobinmasse macht er öffentlich: Sie entsprechen seit Jahren denen eines Normalbürgers. Er glaubt, dass er auch ohne Doping gewinnen kann: „Wenn ich davon nicht überzeugt wäre, dass es einigermaßen sauber zugeht, bräuchte ich ja gar nicht erst da rüberfliegen.“

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