Sport : Trikottausch vor Paris

Nach dem Zeitfahren steht so gut wie fest: Floyd Landis gewinnt heute die Tour de France – Andreas Klöden auf Platz drei

Sebastian Moll[Montceau-les-Mines]

Es ist eine Tradition bei der Tour de France, dass der Träger des Gelben Trikots und mutmaßliche Gesamtsieger am Vorabend der Ankunft in Paris großen Hof mit der internationalen Presse hält. Gewöhnlich trägt der Fahrer dann auch das Trikot, dass er sich über drei Wochen erstritten hat. Floyd Landis hingegen trat gestern Abend in seinem gewöhnlichen Mannschaft-Jersey in das Amphitheater des Kongress-Zentrums von Montceau-les-Mines. „Ich habe es wieder weggegeben“, scherzte der Amerikaner auf die Frage, wo er denn die wertvolle Trophäe gelassen habe.

Die selbstironische Anspielung auf die Etappe vor einer Woche, als er das Trikot erstmals an Oscar Pereiro abgab, enthielt jedoch einen ernsten Kern. Denn am vorletzten Tag dieser verrückten Tour änderte sich schon wieder die Rangfolge der ersten vier Fahrer komplett. Landis, der am Mittwoch geschwächelt hatte und tags drauf wiederauferstanden war, stürmte gestern vom dritten auf den ersten Platz, Andreas Klöden arbeitete sich mit einem zweiten Tagesrang noch auf den dritten Podiumsrang der Tour vor. Der bislang Führende Oscar Pereiro verteidigte mit einem heroischen Kampf den zweiten Platz knapp gegen Klöden. Und Carlos Sastre rutschte aus den Top Drei.

So oder so ähnlich geht das eigentlich schon die ganze Tour lang. Deshalb hütete sich Landis auch davor, die Rundfahrt schon als gelaufen zu betrachten. „Ich habe keine Ahnung was morgen noch passiert“, sagte er zu der Etappe, die traditionell nicht mehr ist als ein Defilée vor den Massen auf den Champs Elysées mit abschließendem Massensprint.

Vor dem T-Mobile-Team muss Landis keine Angst mehr haben. Andreas Klöden und seine Männer machten nach dem Zeitfahren nicht den Eindruck, als wollten sie auf den Champs-Elysées noch einmal zum Großangriff blasen. Das Team krönte die beeindruckende Tour- Leistung seiner siebenköpfigen Rumpfmannschaft mit einem überragenden Abschlusszeitfahren und wird heute die Ehrenrunden in Paris genießen.

T-Mobile Fahrer Sergej Gontschar gewann das zweite Zeitfahren so überlegen wie das erste in Rennes. Vierzig Sekunden fuhr Gonschar auf seinen Mannschaftskameraden Klöden heraus und mehr als eine Minute auf den mutmaßlichen Tour-Sieger Landis. Und mit diesem Doppelsieg sicherte sich T-Mobile auch den Titel der besten Mannschaft der Tour. Dass sein um Jan Ullrich und Oscar Sevilla dezimierter Kader das schaffte, machte Teamchef Olaf Ludwig nicht wenig stolz: „Jeder einzelne hat hier einen großen Kampf abgeliefert.“

Auch Klöden schloss nach dem Zeitfahren mit dem Stand der Dinge seinen Frieden. „Nach allen Rückschlägen, die ich habe einstecken müssen, hat dieser dritte Platz einen riesigen Stellenwert für mich persönlich“, sagte Klöden, der sich im Frühjahr bei einem Sturz schwer verletzt hatte. Klöden beglückwünschte Pereiro und Landis. Der Amerikaner wird sich heute auf dem Weg nach Paris feiern lassen – allerdings ohne seinen Teamkameraden Robbie Hunter. Den Australier verließen nach 3502 von 3657 Tour-Kilometern die Kräfte, er überschritt beim Zeitfahren das Zeitlimit und wurde disqualifiziert. Zur Siegesfeier wird Landis, der nur zwischendurch schwächelte, seinen Kollegen aber einladen.

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