Sport : Trinken, trinken, trinken

Wie sich die Rad-Rennfahrer bei der Tour de France ernähren müssen, um die drei Wochen heil zu überstehen

Christian Tretbar[Paris]

Wer erinnert sich nicht an den berühmten Hungerast von Jan Ullrich. 1998 war es, als der damalige Kapitän vom Team Telekom ein Jahr nach seinem ersten Tour-de-France-Sieg in den Bergen, am berühmten Berg Galibier, neun Minuten auf den späteren Toursieger Marco Pantani verlor. Damals wurde Ullrich von Kälte, Regen und einem zu niedrigem Blutzuckerspiegel gepeinigt. Einem Hungerast eben.

Spätestens seitdem ist klar, wie wichtig die Ernährung für die Rennfahrer ist. Lance Armstrong, der fünfmalige Gewinner der Tour de France, hat kurz vor dem diesjährigen Start noch einmal betont, dass man das berühmteste Radrennen der Welt nur schwer gewinnen, aber sehr leicht verlieren kann. „Am schnellsten geht es durch falsche Ernährung oder Ernährung zum falschen Zeitpunkt“, sagte der US-Amerikaner. Gérard Guillaume, Teamarzt der französischen Francaise-des-Jeux-Mannschaft, hat erklärt, worauf es ankommt. Er setzt auf Naturprodukte. „Wir müssen die natürlichen Ressourcen verbessern und wieder mit einfachen Methoden arbeiten.“ Guillaume will aufräumen mit dem Vorurteil, dass alle Rennfahrer den ganzen Tag nur Nudeln und Powerriegel essen. „Das Allerwichtigste ist das Trinken“, sagt er. „Das machen die meisten Fahrer immer noch zu wenig. Insbesondere vor dem Start ist es wichtig, den Wasserhaushalt noch mal aufzufrischen, aber das machen viele aus Zeitmangel nicht“, sagt der Arzt. Guillaume ist auch Mitglied in der medizinischen Kommission des französischen Radsportverbandes.

Schon zwei Prozent weniger Wasser im Körper bewirkt eine Leistungsminderung um zehn Prozent. Für alle, die auch mal drei Wochen durch Frankreich radeln und dabei die Berge hochfahren wollen und den Tourmalet, L’Alpe-d’Huez oder den Galibier nicht auslassen wollen, hat Guillaume jetzt Rezepte und Regeln zusammengestellt, was so eine Amateur-Fahrer essen und trinken muss. Dabei hat er als Basis eine Formel, die aussieht wie das Taktikschema einer Fußballmannschaft: „421 = KPF“. Das heißt: Vier Portionen Kohlehydrate, zwei Portionen Proteine und eine Portion Fette. Kohlehydrate sind Energiespender und stecken in Rohkost, Stärkeprodukten wie Nudeln und Kartoffeln, aber auch Zucker enthält Kohlehydrate. Proteine sind unter anderem in Milchprodukten und Fette natürlich in Fleisch.

Guillaume hat aber auch einen genauen Zeitplan aufgestellt, wann seine Fahrer etwas essen müssen. Die erste Mahlzeit sollen sie am Abend vor dem Start zu sich nehmen, etwa acht bis zwölf Stunden vorher. Als Vorspeise wird Rohkost gereicht. Als Hauptspeise dann gibt es 120 bis 500 Gramm Spaghetti und 200 Gramm gegrilltes Fleisch. Anschließend Käse, Früchte oder Gewürzkuchen. Trinken sollte man eine halbe Stunde vorm Essen und zwei Stunden danach – natürlich Wasser.

Die nächste Mahlzeit gibt es dann drei Stunden vor dem Rennen. Es beginnt wieder mit Rohkost. Als Hauptspeise diesmal keine Nudeln, weil diese sich erst nach fünf Stunden verdauen. Dafür gibt es Kartoffeln oder Reis, 120 Gramm mageres Fleisch mit wenig Salz zum Nachtisch dann Milchprodukte, Früchte, trockenen Obstkuchen oder Kompott und zu alledem ein Drittel Baguette. Kurz vor dem Start dann noch einen Müsliriegel und einen Fruchtsaft.

Während des Rennens kommt es dann auf die Verfassung des jeweiligen Fahrers an. Bei großer Anstrengung und Hitze sind rund 100 Gramm Kohlehydrate pro Stunde wichtig. Die nehmen die Profis zusammen mit etwas Flüssigkeit (250 bis 1200 Milliliter) alle 15 bis 30 Minuten zu sich. Ein Geheimtipp sei auch Traubensaft, weil der schnell Energie spendet, sagt Guillaume. Bei mittlerer Anstrengung ist Wasser mit zwei Gramm Salz pro Liter gefragt. Gegessen wird etwa drei Stunden nach dem Start. Es gibt Sandwich, Honigbrote und einige tierische Proteine. Dazwischen natürlich immer wieder Riegel, die sind auch bei Guillaume im Programm. Wenn der Fahrer dann die Etappe hinter sich gebracht hat, geht die Nahrungsprozedur weiter.

Nach dem Rennen gibt es erst mal einen Fruchtsaft. Zwei bis vier Stunden später essen die Fahrer dann Gemüse, Kartoffeln, Früchte. „Nach dem Rennen kommt es vor allem darauf an, den Flüssigkeitshaushalt aufzubauen, die Müdigkeit zu entfernen und denVitamin- und Mineralstoffhaushalt in den Griff zu bekommen“, sagt Guillaume. Auch dabei setzt er auf natürliche Produkte. Wasser steht wieder an erster Stelle. Anderthalb bis zwei Liter nach dem Rennen sind Pflicht. Die Fahrer müssen nicht nur wegen der Dopingproben nach dem Rennen auf die Toilette. Auch Mannschaftsarzt Guillaume braucht den Urin der Fahrer. „Man kann darin ablesen, ob die Sportler genug getrunken haben – und meist haben sie das nicht“, sagt er. Etwas zu essen gibt es erst frühestens eine Stunde nach dem Rennen.

Müsliriegel, Trockenfrüchte, Soja-Joghurt – diese Auflistung klingt vielleicht nicht für jeden Menschen besonders spannend. Und da auch viele Rennfahrer Genussmenschen sind, müssen sie nicht mit einem Soja-Joghurt schlafen gehen. Etwa zwei bis vier Stunden nach der Ankunft im Ziel gibt es ein richtiges Abendessen für die Radprofis: Mit Gemüsesuppe, Pasta, Reis oder Kartoffeln. Dazu stehen noch mageres Fleisch oder Fisch und Brot auf dem Tisch. Als Krönung darf es dann sogar ein Bier sein – allerdings alkoholfrei.

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