Sport : Triumph der Hartnäckigkeit

Qualifikant Gremelmayr spielt sich bei den Australian Open in Runde drei

Alexander Hofmann[Melbourne]

Denis Gremelmayr hatte ein so ungewöhnliches wie erfreuliches Problem. Nach dem größten Sieg seines Lebens stand er auf einmal ohne Zimmer da. Er selbst hatte wohl am wenigsten gedacht, dass er am Ende der ersten Woche noch bei den Australian Open in Melbourne dabei sein würde. Beim Stand von 2:6, 5:7, 0:3 gegen den Amerikaner Robby Ginepri sah es auch so aus, als habe er seine Hotelbuchung genau richtig bemessen. Doch er gewann den dritten Satz 6:4 und die beiden nächsten jeweils 6:3.

Kalt über den Rücken sei es ihm gelaufen, berichtete der Hesse aus Lampertheim, als die Zuschauer in der Margaret- Court-Arena ihn mit Gremelmayr-Sprechchören angefeuerten, was sich wegen des englischen Akzents eher wie „Gremml, Gremml“ anhörte. „Die Kulisse war einfach der Wahnsinn, die Masse war am Ende für mich“, sagte der Linkshänder, noch sichtlich verwundert, dass die Besucher tatsächlich ihn, den unbekannten Qualifikanten aus Deutschland, angefeuert hatten. Vielleicht profitierte er von der australischen Begeisterung für einen Außenseiter, vielleicht bewunderten die einheimischen Fans auch einfach die Hartnäckigkeit Gremelmayrs, die sie an ihren Landsmann Llyeton Hewitt erinnerte. Ginepri war von der variablen Spielweise seines Gegners, der intelligente Tempowechsel, Unterschnitt und Topspin und diverse heimtückische Stoppbälle bot, so genervt, dass er nach dem Match nicht mehr gesehen wurde.

Der Name Gremelmayr ist jetzt einigen tausend Australiern bekannt. Und in seinem Heimatland wird der 24-Jährige auch erstmals für Schlagzeilen sorgen. Die Beine seien „komplett leer“ gewesen, und das schon am Ende des zweiten Satzes, erzählte Gremelmayr. Das Spiel war schließlich das erste Fünfsatzmatch seiner Karriere. Die Enttäuschungen der Vergangenheit, die vielen Verletzungen – all das war plötzlich vergessen. Gremelmayr ist einfach nur begeistert, dass er dabei sein darf in der großen Tenniswelt, die er bisher nur aus der Ferne erlebt hat. Eine Woche zuvor war er noch in der Tennisprovinz bei einem winzigen Turnier in Neukaledonien in der Südsee in der ersten Runde ausgeschieden, jetzt hat er in Melbourne schon fünf Matches gewonnen, drei in der Qualifikation und zwei im Hauptfeld. Nächster Gegner ist Marcos Baghdatis aus Zypern.

Zu Hause anrufen musste Gremelmayr von einem geliehenen Handy aus, weil er seines im Hotel gelassen hatte. Gremelmayrs Familie hatte sich die Nacht vor dem Computer um die Ohren geschlagen und das Match auf einer Webseite verfolgt, die den jeweiligen Punktestand angibt. Gremelmayr hatte seinen Kampfgeist schon in den beiden vergangenen Jahren bewiesen, als seine Karriere wegen einer Schleimbeutelentzündung in der Schulter und eines Sehnenanrisses in der linken Hand zu Ende schien, bevor sie überhaupt begonnen hatte. „Wenn noch einmal was passiert wäre, hätte ich die Konsequenzen gezogen, aber ich wollte noch nicht aufgeben“, sagte er, „aber bis zum 30. Geburtstag um Platz 500 der Weltrangliste rumstehen“, das könne auch nicht das Ziel sein. Schon jetzt ist er von Rang 183 etwa auf 110 bis 120 vorgestoßen, was es ihm ermöglicht, bei größeren Turnieren dabei zu sein. Er werde jedenfalls weiter kämpfen. „Nur weil Boris Becker mit 17 Wimbledon gewonnen hat, heißt es mit 24: Du bist zu alt“, sagte Gremelmayr.

Die 46 760 Dollar Preisgeld (38 500 Euro), die mit Abstand größte Einnahme seines Lebens, machen das Leben ein bisschen leichter. Auch der „Herr Kühnen“ habe sich mittlerweile bei ihm gemeldet, berichtete Gremelmayr. Daviscup-Teamchef Patrik Kühnen war ebenfalls begeistert, bis in die Mannschaft sei es aber noch ein weiter Weg. Jetzt steht erst einmal das nächste Spiel an – und die Suche nach einem Hotelzimmer.

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