Sport : Triumph in der Hölle

Die Schweiz setzt sich trotz eines 2:4 in Istanbul gegen die Türkei durch – nach dem Spiel werden Schweizer Spieler beworfen und geschlagen

Thomas Seibert[Istanbul]

Am Ende gab es Tritte und Schläge. Kaum war am Mittwochabend der Schlusspfiff im Stadion „Sükrü Saracoglu“ in Istanbul verklungen, brachen einige Spieler der türkischen Nationalmannschaft mit aller Fairness. Der Abwehrmann Alpay Özalan attackierte einen Schweizer Fußballer, auch Emre schlug um sich. Nach Angaben des Schweizer Verbandes musste der Nationalspieler Stéphane Grichting verletzt in ein Krankenhaus gebracht werden, nachdem er getreten worden war. Auch die Spieler Benjamin Huggel und Johann Vogel sowie ein Torwarttrainer seien verletzt, teilte ein Betreuer des Schweizer Teams mit. Nach Angaben des türkischen Fernsehens trat auch ein Schweizer auf dem Weg in die Kabine auf ein türkisches Delegationsmitglied ein.

Es war das unrühmliche Ende eines Spiels, das beiden Mannschaften noch lange im Gedächtnis bleiben wird: den Schweizern, weil sie sich trotz der 2:4 (1:2)-Niederlage in Istanbul für die WM qualifizierten. Den Türken, weil sie es fertig brachten, als WM-Dritte 2002 die Teilnahme am Turnier 2006 doch noch zu verpassen und sich danach international als schlechte Verlierer zu präsentieren. Der Fußball-Weltverband Fifa kündigte noch am Mittwochabend einen Untersuchungsbericht zu den Vorfällen an.

Im Stadion waren die Gäste aus der Schweiz von 50 000 frenetischen Zuschauern bei jeder Ballberührung ausgepfiffen worden. An den Tribünen war ein Plakat angebracht: „Welcome to hell“. Fast 4000 Polizisten waren im Stadion stationiert.

Das sportliche Schicksal der Türken besiegelten zwei katastrophale Abwehrfehler zu Beginn und gegen Ende des Spiels. Die Tore von Tuncay Sanli, der dreimal traf, sowie der Elfmeter von Necati Ates reichten dem Gastgeber nicht, um die 0:2-Niederlage aus dem Hinspiel wettzumachen.

Etwas Abgeklärtheit hätte die türkische Hintermannschaft gut gebrauchen können. Özalan klatschte gleich in der ersten Minute im Strafraum den Ball mit der Hand weg und gab so Alexander Frei die Möglichkeit, die Schweiz per Strafstoß in Führung zu bringen.

Eigentlich hatte der türkische Trainer Fatih Terim seiner eigenen Mannschaft ein frühes Führungstor befohlen. Doch die Türken standen sich selbst im Weg, offenbar aus Nervosität. Das wurde nicht nur bei Özalans Handspiel deutlich. Die Türken leisteten sich viele Fehlpässe und verübten viele unnötige Fouls. Hamit Altintop versiebte sogar einen indirekten Freistoß an der Strafraumgrenze, weil er den Ball zweimal hintereinander berührte. Die Schweizer blieben dagegen zunächst gelassen, ließen den Gegner anrennen und warteten auf Konterchancen. In der 84. Minute war es so weit. Nach einem erneuten schweren Fehler der türkischen Abwehr trickste Marco Streller den türkischen Torwart Volkan Demirel aus und erzielte den entscheidenden zweiten Treffer.

Vielleicht sei die Aufregung vor dem Spiel einfach zu viel gewesen für einige Akteure, sagte der Sportkommentator Güntekin Onay. Verbandsfunktionäre hatten in den vergangenen Tagen die Mannschaft und die Fans aufgewiegelt, die Öffentlichkeit verlangte einen hohen Sieg über die Schweizer und einen Platz bei der WM. Die hitzigen Fans hatten die Schweizer Gäste schon am Dienstag auf dem Istanbuler Flughafen beleidigt, beschimpft und den Mannschaftsbus mit Eiern beworfen. Neu waren diese Bilder nicht. Vor zwei Jahren waren ebenfalls im Stadion „Sükrü Saracoglu“ die Juniorenspieler der deutschen U-21-Mannschaft mit Gegenständen beworfen und von Sicherheitskräften attackiert worden. Die Fifa verhängte danach eine Geldstrafe, die türkische Mannschaft musste zwei Spiele vor leeren Rängen austragen.

Von türkischer Selbstkritik war nach dem Ende aller WM-Träume dennoch nichts zu sehen. Trainer Fatih Terim suchte die Schuld beim Schiedsrichter, der seiner Mannschaft in der ersten Spielhälfte einen Handelfmeter versagt habe. Hilflos klangen die beschwörenden Worte des Moderators im türkischen Fernsehen während des Spiels: „Aber wir haben es doch verdient“, sagte er über die WM-Teilnahme. „Und in Deutschland warten 2,5 Millionen Türken auf uns.“ Sie werden vergeblich warten.

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