Sport : Triumph in weißen Socken

Chicago holt nach 88 Jahren wieder den Baseball-Titel

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Schon als Kind in den Straßen Brooklyns hatte Jerry Reinsdorf einen großen, alles überstrahlenden Gedanken: Einmal in seinem Leben wollte er die World Series gewinnen, das Finale der USamerikanischen Baseball-Liga MLB. Da er selbst mit dem Wurfarm und im Umgang mit dem Schläger nicht talentiert genug war, zog Reinsdorf weiter, um sich auf andere Weise seinen Traum zu erfüllen. Er machte mit Immobilien Millionen und kaufte zunächst ein damals relativ unbedeutendes Basketballteam in Chicago, das einige Zeit später sechs Mal den Titel in der Basketball-Liga NBA gewann. Doch all diese Siege der Bulls, die er vor allem einem Spieler names Michael Jordan verdankte, würde er gerne hergeben, bekannte der Besitzer: „Für nur einen einzigen Meisterring im Baseball.“

Jerry Reinsdorf muss nicht länger warten. Mit einem 1:0-Erfolg im vierten Spiel der World Series gegen die Houston Astros gewann seine zweite Investition, die Chicago White Sox, endlich die Meisterschaft. Reinsdorfs erfüllter Traum erlöste zugleich ein Team von einem Fluch, der 88 Jahre währte. 1917 hatten die Weißen Socken zuletzt den Titel gewonnen, eine Zeit so fern, dass sich im südlichen Teil der Stadt praktisch niemand mehr daran erinnern kann. Der einzige Trost war den als die Schmuddelkinder geltenden Sox stets, dass ihre feineren Stadtrivalen, die Chicago Cubs, noch länger auf einen Titel warteten – seit 97 Jahren nämlich.

Es war kein schöner Sieg, aber ein richtungsweisender. Statt die harten Bälle in den Nachthimmel zu jagen, besannen sich die White Sox auf den unspektakulären Teil der Arbeit: das Fischen der Bälle aus dem Dreck, das Hechten in die Zuschauerreihen, das Opfern eines Mannes, damit der andere sich auf die nächste Base und schließlich nach Hause retten kann. Sox- Trainer Ozzie Guillen hatte diesen auf Verteidigung und gute Werfer ausgelegten Stil bei seinem Dienstantritt vor zwei Jahren eingeführt. Die Presse murrte, die Fans stöhnten und die Einschaltquoten für die World Series gingen in den Keller. Doch Chicago machte sich lieber weiter die weißen Socken schmutzig, als irgendeinen schicken Trick zu versuchen. Guillen: „Ich bin nicht wegen des Glitzerfaktors hierher gekommen. Ich bin gekommen, um zu gewinnen.“

Diese Worte spricht Guillen mit einem schweren venezolanischen Akzent, und neben ihm sprechen neun weitere Mitglieder seines Teams Spanisch als Muttersprache. Sie kommen aus Kuba, Puerto Rico oder der Dominikanischen Republik. Das Personal ist talentiert und verhältnismäßig billig. Außerdem fällt es ihm leicht, Kontakt zu den Fans herzustellen. Die Hispanics sind die größte Minderheitengruppe in den USA – und die am schnellsten wachsende. In den vergangenen Jahren hat die durch Streiks und Dopingskandale im Ansehen der amerikanischen Sportgemeinde gesunkene Major League Baseball gezielt damit angefangen, sich für spanischsprachige Fans zu öffnen.

Die White Sox zum Beispiel haben begonnen, die Spiele in Spanisch im Radio zu übertragen, und einen Dia Del Ninos – einen Tag für die Kinder – eingeführt. Die vielen mexikanischen Einwanderer danken es Las Medias Blancas und kommen in Scharen. Nach Angaben des Klubs hat sich der Anteil der Spanisch sprechenden Fans in dieser Saison verdoppelt. Trotzdem hatte Reinsdorf nach dem Titelgewinn Angst davor, sich ins Bett zu legen: „Ich hoffe sehr, ich wache am Morgen auf und stelle fest, es ist alles wirklich wahr.“

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