Sport : Triumph ohne Turm

Anand siegt bei Dortmunder Schachtagen gegen Bologan

Martin Breutigam

Dortmund. Immer wieder zog Viswanathan Anand ein Stofftuch aus seiner linken Hosentasche. Es war so groß wie das Schachbrett, vor dem er saß. Der Inder tupfte sich den Schweiß von Stirn und Hals. Sein Gegner Viktor Bologan hatte gerade seinen Turm nach h8 geschoben und schritt nun die Bühne des Schauspielhauses ab, seine Arme vor der Brust verschränkt. Doch es war diesmal nur die Hitze, die dem Ex-Weltmeister bei den Dortmunder Schachtagen zu schaffen machte, es waren nicht die Züge Bologans. In Wirklichkeit hatte Anand wohl schon in diesem Moment das Atem beraubende Turmopfer im Sinn, mit dem er seinen dritten Sieg in Folge erzielen sollte.

Nach 36 Zügen gab sich Bologan geschlagen, zum ersten Mal bei diesem Turnier, das der moldawische Außenseiter bislang dominiert hat und immer noch mit einem Punkt Vorsprung anführt. „Nun ist er endlich zurück in unserem Turnier, bislang hat er ja da oben sein eigenes gespielt", sagte Anand.

Der 33-jährige Brahmane hatte sich in diesen Tagen auf eine alte Weisheit besonnen und so innerhalb weniger Tage sein Selbstvertrauen wieder gefunden. Nach drei Runden war Anand noch Letzter gewesen. Doch nach dem Kurzremis gegen Weltmeister Kramnik folgten Siege über Naiditsch, Leko und Bologan, mit denen sich der indische Sportler des Jahres auf den zweiten Tabellenplatz vorschob.

Anand – Bologan: 1.e4 c6 2.d4 d5 3.Sc3 dxe4 4.Sxe4 Sd7 5.Sg5 Sgf6 6.Ld3 e6 7.S1f3 Ld6 8.De2 h6 9.Se4 Sxe4 10.Dxe4 Dc7 11.0–0 b6 12.Dg4 g5 13.Dh3 Tg8 14.Te1! (Ein starker, neuer Zug, der diese populäre Variante der Caro-Kann-Verteidigung in Frage stellt. Hinterher zeigte Anand seinem Gegner, wie er auf die nahe liegende Bauerngabel 14...g4 in Vorteil zu kommen gedachte: 15.Dxh6 gxf3 16.Txe6+! fxe6 – oder 16...Le7 17.Txe7+! Kxe7 18.Lf4! und gewinnt – 17.Dxe6+, und nun z.B. 17...Kf8 18.Lh6+ Tg7 19.Lg6! bzw. 17...Le7 18.Dxg8+ Sf8 19..Lg6+ Kd7 20.Lf5+ Ke8 21.Lg5! – Idee: 22.Te1 – 21...Lxg5 22.Dxg5 Lxf5 23.Dxf5 De7 24.Dxf3.) 14...Lf8?! 15.Df5 (Weniger klar erschien Anand 15.Txe6+ Kd8 16.Te1 Se5 17.Lf5 g4.) 15...Lg7 16.h4 Kf8 17.Dh3 Th8 18.hxg5 (Furchtlos öffnet Anand die h-Linie. Tatsächlich steht sein König sicherer als der schwarze.) 18...hxg5 19.Dg4 c5 20.Lxg5 cxd4 21.Tad1! (Ein nützlicher und zugleich listiger Abwartezug. Anand: „Ich war sehr froh über diesen Zug, wenn der schwarze König gleich nach d6 kommt, brauche ich den Turm auf d1.") 21...Lb7?! (Das verliert spektakulär. Doch die Alternativen sahen kaum erfreulicher aus, z.B. 21...Sc5 22.Lf4 Dd8 23.Dg3 Lb7 24.Ld6+ Kg8 25.Le5; oder 21...f5 22.Df4 Dxf4 23.Lxf4 Sc5 24.Lc4; oder 21...Se5 22.Sxe5 Lxe5 23.De4 Lh2+ 24.Kf1.) 22.Txe6!! fxe6 23.Le7+! Kxe7 24.Dxg7+ Kd6 25.Sxd4! Dc5 26.Lf5! (Aber nicht 26.Lb5?? Th1+! 27.Kxh1 Dh5+ 28.Kg1 Dxd1+; es genügte allerdings auch 26.Sb5+! Kc6 27.Le2.) De5 27.Sf3+ Dd5 28.Dg3+ Ke7 29.Txd5 Lxd5 30.Dg5+ Kd6 31.Df4+ Ke7 32.Le4Th5 33.Sh4! Tg8 34.Sg6+ Kd8 35.Df7 Te8 36.Ld3! 1:0.

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