Sport : Triumph über die Angst

Maria Riesch gewinnt nach der Kombination auch den Weltcup im Super-G

Frank Bachner

Berlin - Die Sonne brannte am strahlend blauen Himmel, mittags lagen die Temperaturen bei zehn Grad plus, kurz: ein Bilderbuchwetter in Bormio, Italien. „Genau deshalb war ich aufgeregt“, sagt Maria Riesch. Denn sie spürte, wie der Schnee auf der Piste weich wurde, wie schnell sich Bedingungen entwickelten, die sie nicht mag. Ausgerechnet jetzt, beim letzten Super-G-Rennen der alpinen Ski-Saison. Ausgerechnet jetzt, wo es um alles ging. Maria Riesch aus Garmisch-Partenkirchen kämpfte um den Sieg in der Super-G-Gesamtwertung.

Sie ging „kalkuliertes Risiko“, schnell genug, um Sechste zu werden. Aber Platz sechs hätte zum Gesamtsieg nicht gereicht, wenn Elisabeth Görgl gewonnen hätte. Dann hätte Riesch auf Platz vier landen müssen. Aber Görgl, die Österreicherin, ihre schärfste Konkurrentin, wurde nur Fünfte, und die ganze Anspannung der Maria Riesch entlud sich in grenzenlosem Jubel. „Super“, sagte sie gestern einem ZDF-Reporter. „Vor allem, weil es doch unerwartet kam.“

Maria Riesch hatte gerade ihren zweiten Disziplin-Weltcup in diesem Winter gewonnen. Die Trophäe in der Kombination hatte sie sich bereits vor knapp drei Wochen gesichert. Zwei Gesamtsiege in einer Saison, das hatte als Deutsche zuletzt 1998 Katja Seizinger erreicht. Den Super-G-Weltcup allein hatte als letzte Deutsche Hilde Gerg 2002 gewonnen. „Dieser Erfolg hat einen hohen Stellenwert für den alpinen Skisport in Deutschland“, sagt Alpin-Direktor Wolfgang Maier.

Aber die Geschichte dieses Triumphs, die geht über reine Zahlen hinaus. Maria Riesch katapultierte sich förmlich in die absolute Weltklasse zurück. In den Planspielen für diese Saison hatte es keinen Platz für sie auf diesem Niveau gegeben. Bei ihr nicht, bei den Trainern nicht, bei anderen Experten auch nicht. Ein Platz unter den Top Ten in der Gesamtwertung, ein paar Podestplätze, so sahen die Erwartungen aus. Logisch, wie sollten denn die Gründe für eine andere Planung lauten? Die heute 23-Jährige hatte im Dezember 2005 ihren zweiten Kreuzbandriss in elf Monaten erlitten. Sie fiel monatelang aus, im August 2006 stand eine Operation im Raum. Wer so leidet, ist nie mehr wie früher. „Ich weiß nicht, ob das überhaupt mal wieder kommt, dass man im Kopf wieder ganz frei wird“, sagte sie damals. Maria Riesch wollte ja nie bloß mitfahren, sie wollte an die Grenzen gehen, in die extremen Risikobereiche, dort, wo man auf das Podest fährt oder von der Piste fliegt. „Die Unbekümmertheit von Maria ist weg“, sagt Mathias Berthold, der Cheftrainer der deutschen Frauen.

Nur wieder gesund zu sein, reicht nicht. Es geht darum, die Angst zu überwinden. Die Angst vor der brutalen Ideallinie, die der Kopf als instinktive Schutzreaktion entwickelt. Diese Reaktion ist nicht steuerbar, sie ist nicht zu überlisten. „Das kommt aus dem Unterbewusstsein“, sagt Berthold, „diese Phase lässt sich nicht verkürzen.“ So fuhr Maria Riesch auch in der vergangenen Saison. Eine Rennläuferin, die von ihrem Selbsterhaltungstrieb gebremst wurde. Sie hatte kaum vernünftige Platzierungen in dieser Zeit.

Und genau deshalb sind ihre Erfolge in dieser Saison so bemerkenswert. In Lake Louise hatte sie Platz zwei in der Abfahrt und Platz vier im Super-G erreicht. In Cortina gewann sie den Super-G. Maria Riesch wird nie mehr so unbekümmert fahren wie früher. Aber sie fährt so stark, wie ihr Kopf es zulässt. In Lake Louise hatte sie lächelnd erklärt: „Man hat gesehen, dass ich vom Kopf wieder so weit bin.“

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