Sport : Triumphales Fahrtenbuch

Sebastian Vettel lässt seinen vierten WM-Titel in Indien leicht aussehen und doch die harte Arbeit dahinter erkennen.

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Vier Finger für ein Halleluja. Sebastian Vettel jubelt nach seinem Sieg beim Großen Preis von Indien im Kreise seines Teams Red Bull über seinen vierten Weltmeistertitel hintereinander. Foto: dpa
Vier Finger für ein Halleluja. Sebastian Vettel jubelt nach seinem Sieg beim Großen Preis von Indien im Kreise seines Teams Red...Foto: dpa

Meistens sind es ja die lauten, spektakulären Momente, die auffallen und in Erinnerung bleiben. An „einem der schönsten Tage“ im Leben des Sebastian Vettel, an dem Tag, an dem er in Indien zum vierten Mal hintereinander Formel-1-Weltmeister wurde, da war es allerdings ein leiser, stiller Moment, der noch stärker, noch intensiver war als all die lauten.

Vettel war beim Großen Preis von Indien als überlegener Sieger über die Ziellinie gefahren, sein sechster Sieg hintereinander, sein zehnter in dieser Saison, er hatte die Glückwünsche seines Team gehört, den Jubel von Teamchef Christian Horner: „Das war wirklich ’in style’, Sebastian!“ Er hatte sich bedankt, hatte seiner Mannschaft über Funk noch einmal bestätigt, „wie viel Kraft es mir gibt, für euch Jungs zu fahren“, er hatte sogar auf der Start-Ziel-Geraden einige Donuts gedreht, was nicht unbedingt dem Reglement entspricht, wovon ihn sein Renningenieur mit dem Hinweis auf das „übliche Verfahren“ auch noch abhalten wollte, „aber ich habe gesagt, diesmal muss ich etwas Besonderes machen, auch für all die Leute auf den Tribünen“. Die Verwarnung und die 25 000 Euro Strafe, die es dafür von der FIA – streng nach Reglement, aber mit wenig Sinn für den Moment – setzte, nahm er in Kauf.

Dann hatte er sein Auto auf der Start-Ziel-Geraden abgestellt, sich davor niedergekniet – eine kleine, große Huldigung an „Hungry Heidi“, die ihm zu diesem vierten WM-Titel verholfen hatte –, war über die Boxenmauer gesprungen, auf dem Weg zum obligatorischen Wiegen. Und dann, vor dem Weg auf’s Siegerpodest, gab es da eine kurze Zeit, vielleicht ein, zwei Minuten, in denen man Sebastian Vettel ansah, dass auch ein WM-Titel, den alle von außen als selbstverständlich ansehen, von einem Fahrer unheimlich viel fordert, gewaltigen Druck und riesige Anspannung bedeutet. Das alles fiel in diesen Augenblicken offensichtlich von dem 26-Jährigen ab: Eine Zeitlang hatte er das Gesicht noch in beiden Händen verborgen, als er sie herunternahm, spiegelten sich in seinen Zügen die Emotionen: grenzenlose Erleichterung, wohl auch eine tiefe Dankbarkeit, es wieder einmal geschafft zu haben, auch eine gewisse Leere, „die in so einem Moment dann immer kommt“.

Auch wenn er zuvor immer gesagt hatte, er werde versuchen, ein ganz normales Rennen zu fahren, so wenig wie möglich an den Titel zu denken, in der Nacht zuvor normal zu schlafen: Die Nervosität steht schon am Start bereit.

Der Hauptkonkurrent erleichtertete Vettel dann jedoch einiges. Fernando Alonso beschädigte sich kurz nach Rennbeginn bei einer Berührung mit Mark Webbers Wagen den Flügel und fiel nach einem ungeplant frühen Boxenstopp weit zurück. Gezittert wurde zumindest an der Red-Bull-Box bis zum Schluss. Dass Mark Webber 20 Runden vor dem Ende wegen eines Lichtmaschinendefekts ausgefallen war, trug nicht zur Beruhigung der Nerven bei. „Sebastian haben wir gar nicht im Detail gesagt, was da los war, wie kritisch es werden könnte – vor allem, weil er letztes Jahr ja auch schon zwei solche Schäden hatte. Wir haben ihm nur ein paar Vorsichtsmaßnahmen mit auf den Weg gegeben“, sagte Red-Bull-Motorsportkoordinator Helmut Marko.

Aber es ging ja alles gut, Vettel streute zur nicht gerade großen Begeisterung seiner Mannschaft auch noch einmal eine schnellste Rennrunde ein – die ihm allerdings Kimi Räikkönen, der zwei Runden vor Schluss noch einmal Reifen wechseln musste, ganz am Ende wieder abjagte. Was Marko erst einmal gar nicht mitbekommen hatte: „Also war die ganze Aktion auch noch umsonst“, sagte er und schüttelte den Kopf. Das war dann aber auch die einzige Kritik, die er an seinem Meisterfahrer anzubringen hatte.

Mit 26 Jahren viermaliger Weltmeister, Alain Prost eingeholt, nur noch Juan-Manuel Fangio und Michael Schumacher vor sich – das richtig einzuordnen, fiel Vettel in seinem fast zweistündigen Pressekonferenz- und Interview-Marathon nach dem Rennen nicht leicht: „Ich bin eigentlich viel zu jung, um das historisch zu beurteilen. Aber es ist unglaublich, mit diesen Leuten in einem Atemzug genannt zu werden“, sagte er. „Mein Vater war ein sehr, sehr großer Formel-1-Fan, Namen wie Senna und Prost waren gang und gäbe, als ich anfing, Rennen zu schauen. Da jetzt irgendwo in einer Liga zu spielen, ist sehr schwer zu begreifen für mich.“

Erst später, als alles erzählt war zu diesem Sieg und diesem Titel, blieb dann etwas Zeit zum Feiern – auch wenn sich die meisten aus seinem Team schon in der Nacht auf den Weg nach Abu Dhabi machten: „Aber die Flieger gehen erst zwischen zwei und vier“, sagte Vettel, „da geht schon noch ein bissl was.“

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