Triumphe : Vier Medaillen für deutsche Kanuten

Auf die Kanuten ist Verlass: Am drittletzten Tag der Spiele feiern die Deutschen Erfolge auf der Strecke im Pekinger Shunyi-Park. Richtig traurig war nur Einer.

Benedikt Voigt[Peking]
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Vier gewinnt. Die Gold-Gewinnerinnen Fanny Fischer, Nicole Reinhardt, Katrin Augustin-Wagner und Conny Wassmuth.Foto: AFP

Eigentlich haben die deutschen Kanuten an der Strecke in Shunyi eine Silbermedaille mehr gewonnen, als sie bekommen haben. „Die Medaille befindet sich wahrscheinlich noch im Tresor“, sagte Christian Gille. Er musste bei der Siegerehrung im Kanuzweier allein aufs Podest steigen, weil sich sein Bootspartner Thomasz Wylenzek mit einer Kreislaufschwäche kurzzeitig in einer Klinik befand. Lediglich einen Blumenstrauß erhielt er für seinen Kollegen überreicht. „Ich finde es total schade, dass sie nicht gewartet haben mit der Siegerehrung“, sagte Gille, „ich hätte mich gerne mit ihm zusammen gefreut.“

Auch ohne Thomasz Wylenzek befanden sich die deutschen Kanuten gestern in einem Zustand großer Freude. Zweimal Gold, einmal Silber und einmal Bronze lautete die Bilanz des Deutschen Kanuverbandes am ersten Finaltag der Olympischen Spiele in Peking. Der Verband hat damit den hohen Erwartungen standgehalten, die Andreas Ihle in der deutschen Mannschaft ausgemacht hat. „Da wird als erstes nicht ,Guten Tag’ gesagt, sondern da heißt es: Jetzt kommt das Team, das die Medaillen holt.“ Woher die große Qualität der Kanuten komme, konnte der 29 Jahre alte Magdeburger nicht erklären. „Wir trainieren auch nur“, sagte Ihle.

Nur neun Wochen zusammen trainiert

Ihm selbst ist mit Martin Hollstein das Kunststück gelungen, nach nur neun Wochen gemeinsamen Trainings im Zweierkajak Gold zu holen. Nach dem Weltcup in Duisburg hatten die Trainer entschieden, den gesundheitlich angeschlagenen Rupert Wagner aus dem Zweierkajak zu nehmen und stattdessen den 21 Jahre alten Hollstein ins Boot zu setzen. Eine Kombination, die der Jüngere wie folgt beschrieb: „Ich bin eher der lange Schlagtyp, Andreas ist die kleine Kampfsau.“

Nach drei Wochen kam es zu einer weiteren Umbesetzung. Andreas Ihle sollte sich nach acht Jahren am Schlag plötzlich hinter seinen jungen Partner platzieren. „Ich habe mich zunächst gesträubt" sagte Ihle, doch schließlich erwies sich diese Sitzordnung als ökonomischer. „Ich habe Bärenkräfte entwickelt“, sagte Ihle. Mit einem eindrucksvollen Endspurt konnte der deutsche Zweier das 1000-Meter-Rennen vor Dänemark und Italien für sich entschieden. Im Ziel bemerkte Ihle, dass nur wenige Minuten vor ihnen auch der Kajakvierer der Frauen Gold gewonnen hatte.
 
Wieder Familie Fischer

Damit ist wieder olympisches Gold an die Familie Fischer gegangen. Am Schlag des Bootes saß Fanny Fischer, die 21 Jahre alte Nichte von Birgit Fischer. Die Tante ist mit acht Goldmedaillen erfolgreichste deutsche Olympionikin. „Auf den letzten Metern wusste ich, dass uns das keiner nehmen kann“, sagte Fanny Fischer. Auch dieses Boot hatte eine Umbesetzung verkraften müssen, statt der grippekranken Carolin Leonhardt musste sich Conny Wassmuth auf die vierte Position setzen. „Wir haben gewusst, dass sie gut trainiert hat“, sagte Nicole Reinhardt. Sie besitzt heute mit Fanny Fischer eine Chance auf eine weitere Medaille.

Der deutsche Kanuvierer holte Bronze über 1000 Meter, der Doppelzweier hatte sogar lange Zeit geführt, ehe er knapp geschlagen hinter Weißrussland über die Ziellinie schwamm. Die deutschen Kanuten hatten sich völlig verausgabt und fielen anschließend ins Wasser. Gilles Einsatz war aufgrund einer Erkältung fraglich gewesen, nun ist es der heutige Start des erschöpften Wylenzek. Er erhielt im Krankenhaus Infusionen, kehrte aber schon bald an die Rennstrecke zurück.
 
Wehmut bei Andreas Dittmer

Nur der dreimalige Olympiasieger Andreas Dittmer verließ wehmütig die Kanustrecke. Er belegte in seinem letzten olympischen Rennen im Einer-Canadier über 1000 Meter den vorletzten Platz. „Ich habe schon vorher gemerkt, dass die Form nicht da ist", sagte der 36-Jährige. Im Rennen musste er das ungewohnte Gefühl ertragen, dass bald eineinhalb Bootslängen zwischen ihm und den Führenden lagen.

Ein Spaßrennen auf Hawaii will Dittmer noch bestreiten, dann wird er endgültig aufhören. Die vier Medaillen gestern haben jedoch gezeigt, dass der deutsche Kanuverband sogar den Abschied eines Großen verkraften kann.

Ein Porträt Andreas Dittmers lesen Sie hier.

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