Sport : Trost nach der Pein

Deutschlands Basketballer verpassen die große Chance auf den Einzug ins WM-Finale – und holen danach Bronze

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Von Matthias Krause

Indianapolis. Es gibt so Szenen, von denen träumen Sportler noch jahrelang. Wieder und wieder durchleben sie das Hochgefühl – oder die Pein. Allein die letzte Minute im Halbfinale der Basketball-Weltmeisterschaft zwischen Deutschland und Argentinien bot reichlich Stoff für Albträume.

Da wäre etwa der Sprungwurf von jenseits der Drei-Punkte-Linie, mit dem Dirk Nowitzki seine Mannschaft 81:78 hätte in Führung bringen können. Doch der NBA-Profi von den Dallas Mavericks setzte ihn 55,9 Sekunden vor Schluss daneben – wie alle anderen fünf Versuche aus großer Distanz zuvor auch. Da wäre fünf Sekunden später der Fernwurf, den Marko Pesic nicht riskieren mochte. Stattdessen passte er lieber weiter zu Ademola Okulaja. Der fand zwar am Zonenrand eine Lücke auf dem Weg zum Korb, stieg hoch, um das Leder direkt zu stopfen – und wurde ebenso spektakulär wie regelgerecht von Argentiniens Center Ruben Wolkowyski am Brett geklemmt.

Und schließlich, das deutsche Team lag mittlerweile 78:80 zurück, wäre da noch der Korbleger von Mithat Demirel. Der kleine Berliner Spielgestalter schlängelte sich durch, setzte den Wurf mit einem hohen Bogen an, um die heransegelnden langen Center zu überlisten, der Ball tanzte auf dem Ring, guckte rein – und sprang wieder raus. Die Argentinier fischten den Rebound, schlossen einen Fastbreak erfolgreich ab: 78:82, noch 11,9 Sekunden. Im nächsten Angriff produzierte Okulaja einen Ballverlust, den 17. der Deutschen in diesem Spiel. Wieder antworteten die Argentinier mit einem Schnellangriff, aus dem zwei erfolgreiche Freiwürfe resultierten.

78:84. Noch vier Sekunden. Game over. 80:86 (41:36) verlor das Team von Bundestrainer Henrik Dettmann schließlich das Halbfinale. Immerhin gewann es am Sonntag gegen Neuseeland das Spiel um Platz drei deutlich mit 117:95 (74:48) und holte damit erstmals eine Medaille bei einer Weltmeisterschaft. Hätte das jemand vor dem Turnier in Indianapolis vorhergesagt, wäre er beim Deutschen Basketball-Bund (DBB) auf verwunderte Gesichter gestoßen. Am Tag davor jedoch überwog das Gefühl, eine großartige Chance zu leichtfertig aus der Hand gegeben zu haben.

Und die Parallele zum Halbfinale der Europameisterschaft im vergangenen Jahr drängte sich auf. Da hatte die DBB-Auswahl in den Schlusssekunden durch einen erfolgreichen Drei-Punkte-Treffer von Hidayet Türkoglu gegen die Türkei verloren. Ist die Mannschaft also seitdem doch noch nicht so gereift, wie gehofft? Trainer Dettmann weist diese Vermutung zurück. Das WM-Halbfinale sei mit dem der Europameisterschaft nicht zu vergleichen. Die Argentinier in Indianapolis wären ein ungleich stärkerer Gegner gewesen als die Türkei in Istanbul: „Es tut weh zu verlieren, aber gegen so ein gutes Team wie Argentinien muss man es aushalten können.“ In seinen Augen habe die Mannschaft 36 Minuten lang konsequent ihre Strategie verfolgt. Aber dann… „Wir wollten unbedingt Punkte machen, anstatt uns weiter darauf zu konzentrieren, Punkte zu verhindern." Die Schlüsselrolle, wenn es darum geht, Körbe zu erzielen, kam Dirk Nowitzki zu. Doch anders als in den vorangegangen Partien suchten ihn gegen Argentinien die Kollegen auf Biegen oder Brechen. Fast so, als hätten sie Angst, selbst zu punkten.

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