Trotz Kriegs im Kaukasus : Große sportliche Geste zwischen Russin und Georgierin

Diese Geste wird in die olympische Geschichte eingehen. Bei der Siegerehrung im Luftpistolenschießen umarmten und herzten sich zwei Frauen, deren Länder gerade einen blutigen Krieg im Kaukasus begonnen hatten, mitten in die doch eigentlich friedensstiftenden Olympischen Spiele hinein.

Frank Hollmann[Peking]
Paderina
Große Sportlerinnen. Die Russin Natalia Paderina (links) und die Georgierin Nino Salukwadse.Foto: AFP

Nino Salukwadse, Bronzegewinnerin aus Georgien, drückte die Zweitplatzierte Natalia Paderina aus Russland lange an sich, Küsse auf die Wangen folgten. Beide kennen sich seit ihrer Jugend und trainierten einst gemeinsam in der Sowjetunion. „Wir sind Freunde und treten schon so lange gegeneinander an. Wir wollen nicht in die Politik hineingezogen werden. Sport steht jenseits der Politik“, sagte Paderina.

Nichts könne ihre Freundschaft zerstören, sagte auch Salukwadse. 1988, bei den Olympischen Spielen in Seoul, hatte sie mit 19 Jahren noch für die UdSSR Gold gewonnen. Die Bronzemedaille von Peking 20 Jahre später ist für sie vielleicht sogar noch wertvoller. Ein kleiner Sieg für ihr kleines Volk sei das, sagte sie, ehe sie die Regierungen in Moskau und Tiflis scharf kritisierte: „Die Welt sollte ihre Lektion längst gelernt haben. Im 21. Jahrhundert darf es keine Kriege und keinen Hass zwischen Menschen geben. Die Politiker sollen endlich das Problem aus der Welt schaffen.“

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Wichtige Geste in Zeiten des Krieges. Natalia Paderina (Russland) und Nino Salukvadze (Georgien, vorn).Foto: AFP

Nino Salukwadse entschied sich erst in letzter Minute, überhaupt in Peking anzutreten. Die Delegation aus Georgien mit insgesamt 35 Sportlern hatte überlegt, ob sie aus Protest gegen den Krieg in Südossetien abreisen soll. Am frühen Sonntagmorgen, wenige Stunden vor dem Beginn der Wettkämpfe im olympischen Schießstadion, überredete Präsident Michail Saakaschwili die Athleten bei einem Telefonanruf aus Tiflis zum Bleiben. Bis nachts um zwei seien die georgischen Sportler wach gewesen, berichtete Salukwadse: „Wir konnten nur an unsere Heimat Georgien denken.“ All das erzählte die in Tiflis lebende Medaillengewinnerin wie selbstverständlich auf Russisch, der Sprache des Kriegsgegners.

Die Bilder von der Umarmung der Russin und der Georgierin gingen um die Welt – aber nicht um die ganze. China hatte nur Blicke für die Siegerin Guo Wenjun. Und die Online-Ausgaben der russischen Zeitungen begnügten sich mit einem Wettkampfbericht und ignorierten die Szene nach der Medaillenübergabe. Statt eines gemeinsamen Fotos beider Sportlerinnen zeigten sie nur Paderina. Der Onlineanbieter „gazeta.ru“ entschied sich für ein Foto der Russin während des Wettkampfes, auf dem sie mit ausgestrecktem Arm ihre Sportpistole hält. Darüber prangt die Überschrift: „Russland erschoss Georgien“.

Die Sportler sind weniger martialisch eingestellt. Peking wird ihnen noch weitere Gelegenheiten für versöhnliche Gesten bieten. Am Mittwoch treffen die Frauendoppel aus Georgien und Russland im Beachvolleyball aufeinander.

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