Sport : Trotz Mickey Mouse und Donald Duck eher ernst als lustig

DIETMAR WENCK

ORLANDO .Am vergangenen Wochenende ging es zum ersten Mal richtig heiß her im Trainingslager der Berlin Thunder im sehr sonnigen, sehr warmen Florida.Seit dem 9.März haben sich in Orlando Spieler und Trainer des Teams versammelt, das mit dem Ziel ins Rennen geschickt wird, American Football im Berlin zu einer festen sportlichen Größe zu machen.Am 17.April beginnt die elf Spieltage dauernde Saison der National Football League Europe (NFLE), bis dahin sollen die Kader der Teams aus Barcelona, Berlin, Frankfurt (Main), Düsseldorf, Edinburgh und Amsterdam feststehen.Auch die anderen fünf Teams üben in Florida.Deshalb standen sich Berliner und Düsseldorfer im Vergnügungspark Disney World zu einem Test unter wettkampfähnlichen Bedingungen gegenüber, erstmals in der "richtigen" Ausrüstung.

Erstmals sollten die Spieler aber nicht nur ihre neuen Trikots zeigen, sondern vor allem, was sie in der kurzen Zeit in Orlando gelernt haben.So lustig die Umgebung mit Mickey Mouse und Donald Duck wirken mochte, für die derzeit noch 64 Mitglieder der Mannschaften war die Angelegenheit ernst.Für sie geht es um Verträge.Am 27.März wird die Zahl der Spieler auf 53 zusammengestrichen, am 3.April erfolgt der letzte Schnitt.Dann stehen die 43er-Kader fest, auch jener, der Football im Jahnstadion etablieren soll.Der achtköpfige Trainerstab muß bei der Auswahl ein glückliches Händchen beweisen.Insgesamt 60 000 Zuschauer will Thunder zu seinen fünf Heimspielen anlocken.Dieses Ziel hat der Generalmanager Michael Lang sich und dem jüngsten Kind der NFLE gesetzt.Es wird nur zu verwirklichen sein, wenn Berlin Thunder mehr als ein Prügelknabe der Liga ist.

Die ersten Eindrücke waren gut, nicht nur im Test gegen Rhine Fire.Trotz des Kampfes um Jobs gab es bisher kaum schwerwiegende Verletzungen.Von einer "Super-Atmosphäre" und "großem Teamgeist" im Trainingslager spricht Wanja Müller.Der 21jährige Quarterback ist einer von elf Deutschen und fünf Berlinern in der Mannschaft.Er ist vor allem zum Lernen nach Florida gereist.Wie die meisten anderen Deutschen wird Müller in der ersten Saison bei Thunder keine herausragende Rolle einnehmen.Sportlich geben in Berlin wie in allen NFLE-Städten die immer noch weit spielstärkeren US-Amerikaner den Ton an.Aber dem Bayern Lang geht es nicht nur um Touchdowns, sondern außerdem darum, mit dem Berliner Element Boden beim Publikum zu gewinnen.Auch der PR-Direktor Roman Motzkus und Shuan Fatah aus dem achtköpfigen Trainerstab sind Berliner, ehemalige Adler-Spieler."Es ist nicht damit getan, daß Football gespielt wird, die Mannschaft muß ein Teil des Stadtbildes werden", sagt Lang.

Das ist nicht nur bildlich gemeint.Eine große Plakataktion läuft bereits.Michael Lang sagt, er habe vor, die Spieler mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Mannschaftshotel in Köpenick quer durch die Stadt zum Training zu schicken.Mit Hertha BSC und den Eisbären wurden Kooperationen abgeschlossen.Als Konkurrenten sehen die Footballer die etablierten Sportvereine nicht."Hertha BSC hat die Mannschaft in Berlin.Das ist für uns keine Konkurrenz, das zu sagen, wäre ja dumm", sagt Lang.Lieber versucht man eine Zusammenarbeit.Beim Hertha-Spiel gegen 1860 München wurde zum Beispiel im Olympiastadion bereits fleißig mit sogenannten "Flyern" geworben.

Mancher Fußball-Fan wird sich dabei vielleicht erinnert haben, daß ein Ex-Herthaner zum American Football konvertiert ist.Der als Kicker engagierte Axel Kruse steht in Orlando unter der besonderen Beobachtung der beinahe 100 aus Europa und Japan (!) angereisten Journalisten.In einem Interview hat er kürzlich die Erwartung geäußert, viele würden allein schon deshalb ins Jahnstadion kommen, um zu sehen, wie dämlich er sich in der neuen Sportart anstelle.Dementsprechend aufgeregt war er bei den ersten öffentlichen Kicks."Das ist wie beim Elfmeter", meinte er, "machts du ihn rein, wirst du gefeiert, schießt du vorbei, bist du ein Depp." In Disney World schoß er den ersten vorbei, die nächsten vier verwandelte Kruse sauber und freute sich ausgelassen wie ein richtiger Torschütze.Kein schlechter Start.So einen wünscht sich Berlin Thunder auch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben