Trotz Tabellenführung : Bei Hertha fällt der Wahnsinn aus

Hertha BSC führt die Bundesliga an, von Euphorie aber ist wenig zu spüren – der Mannschaft kommt die Ruhe ganz gelegen.

Stefan Hermanns
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Gut gekühlt. Stein, Rodnei, Raffael.Foto: Jürgen Engler

Berlin - Zwei Träume haben Dieter Hoeneß in seiner Zeit als Manager bei Hertha BSC ganz besonders umgetrieben. Der eine, der von der Fahrt mit der Meisterschale durchs Brandenburger Tor, ist schon oft erzählt worden – und in dieser Woche wieder überraschend aktuell geworden. Genauso wichtig aber ist es Hoeneß, in Berlin echte Begeisterung für Hertha zu wecken. Das Unterfangen erweist sich als ähnlich schwierig wie die Verwirklichung des Meistertraums. Für das nächste Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach sind gerade 25 000 Karten verkauft, Hoeneß hat daher in dieser Woche zum wiederholten Male die Medien um Hilfe gebeten. Mit Erfolg: Die Berliner Boulevardblätter werben jetzt ziemlich unjournalistisch für den Kauf von Tickets: Für das Spiel gegen den Tabellenletzten Gladbach gibt es drei Karten zum Preis von zwei. Hertha macht sich billig.

Dass der Tabellenführer Eintrittskarten verschenken muss, um sein Stadion voll zu kriegen, ist kein gutes Zeichen. Aber es passt zum plötzlichen Wahnsinn, den Herthas Sieg gegen die Bayern und der Sprung an die Spitze der Bundesligatabelle in Berlin ausgelöst haben. Der Wahnsinn ist weitgehend ausgeblieben. In der Stadt genauso wie in der Mannschaft. „Die Stimmung ist gut“, sagt Trainer Lucien Favre. „Vorher war sie auch gut.“

Dienstagvormittag, das erste Training danach. Die Sonne scheint, der Platz ist dank Rasenheizung das letzte grüne Fleckchen in einer weißen Winterlandschaft. Dreizehn Zuschauer und eine Schulklasse sind gekommen. Als die Spieler schon vom Feld sind, kommt ein Team vom Fernsehen und baut seine Kamera neben dem Trainingsplatz auf. Jaroslav Drobny, Herthas Torhüter, sagt: „Die Stimmung ist normal. Wir sind nicht extrem glücklich.“

Zwei Tage später, die letzte öffentliche Einheit vor dem Auswärtsspiel beim VfL Wolfsburg. Es schneit, die Rasenheizung zieht heute den Kürzeren, der Platz ist leicht gepudert. Dreißig Zuschauer stehen hinter der Absperrung, dazu sieben Kameras. Mittelfeldspieler Maximilian Nicu sagt, dass in dieser Woche, da Hertha Tabellenführer ist, nichts anders war als sonst. Klar, ein bisschen Anerkennung, ein bisschen mehr Euphorie in der Stadt wären nicht schlecht, „aber wir brauchen keine 52 Leute, die hier beim Training Betrieb machen“, sagt Nicu. Bisher ist die Mannschaft ganz gut damit gefahren, dass sie in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen konnte.

Ein Reporter des Schweizer Fernsehens fängt Arne Friedrich ab. Er trägt eine HSV-Mütze und fragt Herthas Kapitän nach dem Anteil des Schweizer Trainers Favre am Aufschwung. „Er ist der Vater des Erfolgs“, sagt Friedrich. Als er vom Platz geht, hat er noch einen freundlichen Rat für den Reporter aus der Schweiz: „Mütze wechseln. Hamburg ist nicht gut.“

Die Frage ist: Wie gut ist Hertha? Und wie lange kann sich die Mannschaft ganz oben halten? „Das weiß ich nicht“, sagt Favre. „Die Spieler sind realistisch. Sie wissen, dass die Spiele eng waren.“ In Wolfsburg erwartet er nichts grundsätzlich anderes. Favre muss erneut auf Gojko Kacar und Marko Pantelic verzichten; beide haben in dieser Woche nicht trainieren können. Bei Patrick Ebert sieht es besser aus, obwohl er nach einem Schlag auf die Ferse noch Schmerzen verspürt. Cicero kehrt nach seiner Gelbsperre in die Mannschaft zurück, vermutlich wird Marko Babic dafür aus der Startelf fallen. „Es wird sehr interessant“, sagt Favre über das Duell mit den heimstarken Wolfsburgern, die acht ihrer neun Spiele vor eigenem Publikum gewonnen haben.

Hertha, latent des Größenwahns verdächtig, übt sich in diesen Tagen in berlinuntypischer Zurückhaltung – und das wirkt nicht einmal aufgesetzt. „Mein Ziel ist es, eine Mannschaft aufzubauen, die regelmäßig oben mitspielen kann, zwischen Platz drei und acht“, sagt Favre. Der Mann vom Schweizer Fernsehen hat zum Interview mit Favre seine HSV- Mütze abgenommen. Ob sein nächster Schritt nun sei, Schweizer Nationaltrainer zu werden, will er wissen. Favre sagt: „Mein nächster Schritt ist Wolfsburg.“

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