Sport : Trotzig im Debakel

Claudia Pechstein enttäuscht bei der WM und denkt doch nicht ans Aufhören

Frank Bachner

Berlin - Claudia Pechstein lächelte zwischen ihren Sätzen, immer wieder, und manchmal wirkte dieses Lächeln sogar ungezwungen. Aber mit drei Fingern der linken Hand umklammerte sie den Verschluss ihrer leeren Plastik-Trinkflasche, und diese Flasche trommelte sie unaufhörlich gegen ihren linken Oberschenkel. Sie wollte weg hier, weg von diesen Fernsehleuten und Journalisten, die sie am Hallenausgang abgefangen hatten, weg von diesen Fragen. Haben Sie eine Erklärung für ihre Leistung, Platz sieben bei der Mehrkampf-WM im Eisschnelllauf? Nein, hatte sie nicht, die fünfmalige Olympiasiegerin, „ich bin bloß froh, dass es jetzt vorbei ist“. Markus Eicher, der Frauen-Bundestrainer, hat auch keine. „Unverständlich“, sagte er vor der Eisschnelllaufhalle in Berlin-Hohenschönhausen.

Sie alle stehen bloß da vor dieser Statistik. Die schlechteste Mehrkampf-WM-Bilanz für Pechstein seit 1993, Platz sieben nach elf Medaillen, darunter einer goldenen und acht silbernen. Die erste Mehrkampf-WM seit 1980, bei der deutsche Frauen keine Medaille gewannen. Platz sechs auch nur für Daniela Anschütz-Thoms aus Erfurt. Aber Rang zehn für die Berlinerin Katrin Mattscherodt bei ihrer ersten WM, das gehört auch zur Statistik. Anni Friesinger, dreimalige Mehrkampf-Weltmeisterin, hatte auf einen Start verzichtet. Gold gewann die Holländerin Paulin van Deutekom.

Pechstein wollte natürlich auch weg, weil sie keine Lust hatte, dass man sie mit ihrem eigenen Ansprüchen konfrontierte. „Wenn ich bei der Mehrkampf-WM oder danach bei der Einzelstrecken-WM keine Medaille hole, beende ich meine Karriere“, hatte sie vor der Saison gesagt. Das gehört zu Pechsteins Spielchen, sie kokettiert in verschiedenen Variationen gerne mit ihrer Leistungsstärke. Es ist immer auch ein Hinweis, wie toll sie doch noch ist. Ende Februar wird sie 36 Jahre alt.

Sie betont aber auch immer wieder, dass sie bis Olympia 2010 laufen möchte, kurz vor der WM präsentierte sie noch, ganz stolz, zwei neue Sponsoren. Sie hatte diesen Satz vom Karriereende wohl nie richtig ernst gemeint. „Karriere-Ende ist jetzt kein Thema“, sagte sie gestern.

Aber es steht im Raum, das Thema. Und es geht nicht um die Frage, ob sie freiwillig aufhört oder nicht, es geht um die Frage, ob Berlin ein dramatischer Hinweis darauf ist, dass sie aufhören muss, bevor sie sich blamiert. Über 3000 Meter lief sie so langsam wie seit zehn Jahren nicht mehr, über 5000 Meter war sie meilenweit von ihrer Bestzeit entfernt. Und das waren ihre Spezialstrecken.

Und trotzdem: Berlin ist kein letzter Warnschuss. Claudia Pechstein hat sich bloß durch einen ziemlich dummen, selbstverliebten Satz selber in die Ecke getrieben. Sie ist in den vergangenen Wochen im Weltcup aufs Podium gelaufen, sie ist immer mehr Einzelspezialistin gewesen denn eine Allrounderin, dafür ist sie über 500 Meter viel zu schwach. Sie hatte einfach ein rabenschwarzes Wochenende. Aber das lässt sich noch nicht aufs Ganze hochrechnen. „Sie ist bei der Einzelstrecken-WM über 5000 Meter natürlich klare Medaillenkandidatin“, sagt Eicher. Und im Teamwettbewerb würde er 1000 Euro auf eine deutsche Medaille setzen – auf ein Team mit Pechstein.

Die 35-Jährige ist in Berlin psychisch gescheitert, eine andere Erklärung gibt es nicht. Vielleicht am Druck, in Berlin besonders gut dastehen zu müssen. Oder doch wegen der kurzfristigen Verpflichtung ihres ehemaligen Trainers Joachim Franke, wie Eicher vermutet? Unwahrscheinlich. Wo soll da lähmender Druck entstehen? Vielleicht wird man die Gründe aber auch nie erfahren.

Außerdem war sie keine Ausnahme. Daniela Anschütz-Thoms war beim letzten WM-Test in Erfurt ja auch erstmals 500 Meter unter 40 Sekunden gelaufen. Sie war also körperlich fit. Nur psychisch versagte sie. Und so bleibt es, generell, einfach bei der lapidaren Erkenntnis von Stephan Gneupel, dem Trainer von Anschütz-Thoms: „Die WM wird im Kopf entschieden.“

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