Tschechien bei der WM : Wenig Hoffnung für Koller

Erst glaubte er an die schnelle Wunderheilung, nun bangt Jan Koller um seinen WM-Verbleib. Denn der Tscheche hat tatsächlich einen Muskelfaserriss.

Gelsenkirchen - Anders als noch wenige Minuten nach dem souveränen 3:0-Erfolg über die USA am Montag zeigten die Daumen der Mediziner keine 24 Stunden später nach unten. Kurz nach der Rückkehr in das WM-Quartier in Westerburg überbrachte der 2. Teamarzt Jiri Fousek schlechte Nachrichten: "Jan hat einen Muskelfaserriss. Er braucht mindestens zehn Tage Pause. Schlimmstenfalls kann es auch sechs Wochen dauern", bestätigte er dem "kicker".

Damit haben sich die noch am Vortag im Anschluss an die Partie geschürten Hoffnungen auf ein baldiges Comeback des Torjägers zerschlagen. Der Rückschlag des erst kürzlich von einem Kreuzbandriss genesenen Fußball-Hünen bestürzte sogar Franz Beckenbauer. Der WM- Organisationschef schickte Koller Blumen und beste Genesungswünsche. "Wir waren erschrocken, dass er sich verletzt hat", sagte Wolfgang Niersbach, Vizepräsident des deutschen Organisationskomitees.

Für Koller kam das medizinische Bulletin überraschend. Noch zwei Stunden nach dem Spiel in Gelsenkirchen und einer ersten Kernspin- Untersuchung hatte er auf eine kurze Zwangspause gehofft und trotzig verkündet: "Die Freude über den Sieg und das Tor wiegen mehr als der Schmerz. Ich glaube, die WM ist für mich noch nicht zu Ende." Doch nun muss er sich mit einem Gedanken anfreunden, der ihn schon unmittelbar nach dem unheilvollen Zweikampf mit dem Amerikaner Oguchi Onyewu (43.) geplagt hatte: "All die Mühe nach dem Kreuzbandriss, all die Hoffnungen und Überlegungen waren umsonst."

Der 1. Mannschaftsarzt Petr Krejci, der am Montag eine Zerrung diagnostiziert hatte, gab sich zunächst weiterhin optimistisch: "Jan hat mir gesagt, er habe sich exakt dasselbe schon einmal beim BVB zugezogen und trotzdem eine Woche später wieder auf dem Platz gestanden." Noch weiß Trainer Karel Brückner nicht, ob sein Torjäger wieder in das Turnier zurückkehrt. In den beiden Gruppenspielen gegen Ghana und Italien muss er definitiv ohne Koller planen: "Er hat so gekämpft, um es bis zur WM noch zu schaffen. Und nun passiert das, obwohl er wieder in Topform war."

Nur gut, dass Tomas Rosicky den Tschechen über das immense Verletzungspech im Offensivbereich hinweg half. Mit einer Gala- Vorstellung und zwei sehenswerten Toren führte der künftige Profi des FC Arsenal den Weltranglisten-Zweiten an der Seite des kongenialen Mitstreiters Pavel Nedved zum Erfolg. Sein derzeit angeschlagener Mannschaftskollege Milan Baros geriet ins Schwärmen: "Tomas hat bewiesen, dass er einer der besten Mittelfeldspieler der Welt ist und es verdient, demnächst in einer Weltklasse-Mannschaft zu spielen."

Befreit von der Ungewissheit über seine sportliche Zukunft spielte Rosicky groß auf. Anders als in seiner fünfjährigen Zeit bei der Borussia in Dortmund, die er für 9,5 Millionen Euro Richtung London verlässt, trat er als eiskalter Vollstrecker in Erscheinung. Der deutsche Nationalkeeper Jens Lehmann, künftiger Vereinskollege bei Arsenal, rieb sich vor dem Fernseher im Berliner WM-Quartier vergnügt die Hände: "Schön, dass Tomas in so guter Form ist. Aber er soll sich nun erholen, damit er bei uns demnächst ähnlich auftrumpfen kann."

Trotz der Freude über den Traumstart in die schwere Gruppe E bereitet die Pechsträhne in der Offensiv-Abteilung Kopfzerbrechen. "Kollers Verletzung schmerzt die ganze Nation", titelte die Zeitung "Lidove noviny". Alternativen sind rar: Vladimir Smicer reiste erst gar nicht zur WM an, EM-Torschützenkönig Baros (Bänderdehnung in der Ferse) kann noch immer nicht schmerzfrei trainieren. "Ich habe es am Montag ein wenig versucht, aber es gab noch Probleme. Dennoch hoffe ich, es bis zum Ghana-Spiel am Samstag zu schaffen", sagte Baros. Zweifel sind angebracht. Rosicky wird die Sache langsam unheimlich: "Smicer fällt vor der WM aus, Baros vor dem ersten Spiel, Koller vor der Halbzeit. Ich hoffe, die Verletzungsserie ist bald mal zu Ende." (Von Heinz Büse und Dietmar Fuchs, dpa)

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