Sport : Türkei im Taumel

0:2 lag das Team gegen die Tschechen zurück, gewann auf verrückte Weise noch 3:2 und trifft nun auf Kroatien

Felix Meininghaus[Genf]

So kann nur jubeln, wer gerade schon so gut wie ausgeschieden war. Als ob sie ihr Glück nicht fassen konnten, rannten die türkischen Fußballspieler nach dem Schlusspfiff über den Platz. 3:2 gewonnen nach einem 0:2-Rückstand, die letzten Minuten noch ohne ihren Torwart Volkan Demirel überstanden, der mit der Roten Karte vom Platz geflogen war, und am Freitag im Viertelfinale gegen Kroatien fehlen wird. Das war der Triumph der Türken gestern Abend in Genf.

So kann nur leiden, wer sich gerade noch wie der sichere Sieger fühlte. Die Tschechen warfen sich auf den Platz, wer noch die Kraft dazu hatte, tröstete seine Mitspieler. So etwa Petr Cech, der von Kollege zu Kollege ging und aufbauende Worte sprach. Dabei hatte er selbst mit am meisten Trost nötig. Ein grober Fehler von ihm hatte den Ausgleich der Türken ermöglicht.

Das Spiel hatte so viel Dramatik, dass es die letzte Möglichkeit der Entscheidung gar nicht mehr brauchte. Wenn es nach regulärer Spielzeit Unentschieden gestanden hätte, dann hätten die beiden Mannschaften den Gruppenzweiten per Elfmeterschießen unter sich ausmachen müssen. Es wäre das erste Elfmeterschießen in einer Gruppenphase gewesen. Doch dazu kam es nicht vor 30 000 Zuschauern.

Beide Trainer hatten unisono bekräftigt, sich die Prozedur des Elfmeterschießens tunlichst ersparen zu wollen. Karel Brückner und Fatih Terim wollten die Angelegenheit in den dafür vorgesehenen 90 Minuten klären: „Wir haben kein Elfmeterschießen geübt“, sagte Terim, „so etwas kann man nicht planen. Wir wollen den Sieg in der regulären Spielzeit.“ Dass es ein solch unglaubliches Comeback geben würde, hatte er allerdings auch nicht voraussehen können.

Brückner beorderte seinen 2,02 Meter langen Rekord-Torschützen Jan Koller wieder in die Sturmzentrale und ließ Milan Baros dafür auf der Bank. Warum, zeigte sich gleich nach etwas mehr als einer halben Stunde: Koller war nach einer Flanke von Zdenek Grygera zur Stelle und köpfte zur Führung ein – sein 55. Treffer im Nationaltrikot. Brückners Vertrauen zu seinem Routinier hatte sich ausgezahlt. Was ein Mal funktioniert, das klappt auch zwei Mal, dachten sich die Tschechen und versuchten weiter, Koller zu bedienen. Und die Türken? Für sie war der Rückstand erst einmal kein Argument, auf Offensive umzuschalten. Bis zum Pausenpfiff verharrten sie in ihrer abwartenden Haltung.

Noch nie in ihrer Länderspielkarriere hatten die Türken gegen Tschechien gewonnen. Doch dafür war es nötig, die passive Haltung abzulegen und das Risiko zu suchen. Der Wille, die Hemmungen abzulegen, war spürbar, der eingewechselte Sabri Sarioglu hatte im einsetzenden Regen eine erste Chance.

Sofort war die türkische Kulisse hinter dem tschechischen Tor voll da und unterstützte die Drangperiode ihrer Mannschaft lautstark. Doch Tschechiens Innenverteidigung um Tomas Ujfalusi, David Rozehnal und den ausgezeichneten Torhüter Cech hielt dem Druck stand.

Auf der anderen Seite schloss Jaroslav Plasil einen Konter ab und erhöhte auf 2:0. Die Türken, bei denen Emre Güngör verletzt vom Platz getragen worden war, spielten zu diesem Zeitpunkt in Unterzahl. Jan Polak hätte das Ergebnis noch klarer gestalten können, traf mit seinem Kopfball jedoch nur den Pfosten. Wenig später verkürzte Arda Turan auf 1:2, und dann schafften die Türken eine unglaubliche Wende: Nihat gelangen in den letzten vier Minuten zwei Tore, das erste wurde durch einen Patzer von Cech begünstigt: Er konnte den regennassen Ball bei einer Hereingabe nicht festhalten und ließ ihn vor Nihats Füße fallen.

Am Ende verloren die Türken ihren Torwart Volkan nach einer Tätlichkeit gegen Koller. Tuncay ging ins Tor, weil Terim schon drei Mal gewechselt hatte. Die Türken überstanden auch das und feierten am Ende eine kaum glaubliche Wiedergeburt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben