• Türkei - Portugal: Die Provokations-Strategie geht nicht auf: Nach Alpays Platzverweis sind die Türken mit dem 0:2 noch gut bedient

Sport : Türkei - Portugal: Die Provokations-Strategie geht nicht auf: Nach Alpays Platzverweis sind die Türken mit dem 0:2 noch gut bedient

Martin Hägele

Dem Sünder blieb nur noch seine Tragetüte. Wenigstens etwas, woran sich Alpay festhalten konnte auf dem langen Marsch von der Kabine an den Absperrgittern entlang mit den Journalisten bis zum türkischen Mannschaftsbus. Viele riefen "Alpay, komm", und "Alpay, rede". Doch der Verteidiger von Fehnerbace sagte kein Wort. Wie hätte er sich auch rechtfertigen sollen nach dem 0:2 gegen Portugal im EM-Viertelfinale? Vor vier Jahren war Alpay ähnlich Spießruten gelaufen. Damals trug er noch eine Tasche mit den Fußballschuhen und seinem Kulturbeutel, und nur die Gatter in der Mixed Zone im Stadion von Nottingham Forest waren ein bisschen niedriger. Damals hatten ihn seine Landsleute beschimpft "Alpay, warum hast du ihn nicht umgehauen" und "Alpay, wie kannst du nur so naiv sein".

Und die Gutmütigen hatten es der Jugend und Unerfahrenheit des 23-Jährigen zugeschrieben, dass der im ersten EM-Spiel der Türkei in der 86. Minute 40 Meter lang neben Vlaovic herläuft, bis der Kroate sein Solo zum 1:0 abschließen kann. Ein routinierter Profi foult in solch einem Moment, opfert sich ohne Rücksicht auf die Rote Karte. So lauten die Gesetze der Branche. Dabei hatte der türkische Sportsmann mit seiner Fairness durchaus den Beifall anderer verdient.

Diesmal schlug Alpay zu. Mit der Faust. Obwohl er mittlerweile fast 50 Länderspiele absolviert und schon Dutzende Mal im Europapokal gekickt hat und wissen musste, was passieren würde. Es war kein harter Schlag, und er erfolgte auch noch im Liegen, nachdem Alpay im Kopfballduell mit Portugals Abwehrchef Couto zusammen zu Boden gegangen war. Doch Schiedsrichter Dick Jol hatte diese Szene genau verfolgt. Er stand nur wenige Meter weg vom Tatort.

"Solche Fehler darf man nicht machen", schimpfte Torwart Rüstü, der beste Spieler der Bosporus-Auswahl. Er kennt das Temperament seines Klub-Kollegen, der auch daheim als notorischer Haudrauf gilt und regelmäßig vom Platz fliegt. Doch er weiß auch, dass Alpay sowohl bei Fehnerbace als auch in der türkischen Nationalelf Elfmeter todsicher im Netz versenkt. Anders als der haspelige Arif, dem sich in der Nachspielzeit der ersten Hälfte die Chance bot, Portugals Führung aus der 44. Minute zu egalisieren. Die alte Regel, wonach Gefoulte niemals selbst den Strafstoß ausführen sollten, gilt erst recht bei großen Turnieren.

Arif habe ein gutes Gefühl gehabt, entschuldigte Trainer Denizli den Stürmerstar vom Uefa-Cup-Sieger Galatasaray, und er habe sich deshalb den Ball geschnappt. Doch wenn es überhaupt jemand gibt, dem man vorwerfen könnte, warum diese Partie so einseitig verlaufen ist, dann dem ehemaligen Assistenten von Jupp Derwall. Mustafa Denizli hatte angekündigt, einige Überraschungen für die Portugiesen auf Lager zu haben. Doch eingefallen war ihm nur der simple Auftrag an alle, die Gegenspieler zu provozieren, "weil wir an spielerischer Klasse mit denen nicht mithalten können". Eine solche Strategie ist ein Armutszeugnis. Sie beweist nur, dass das neue türkische Fußball-Selbstverständnis sehr gekünstelt ist und der Cheftrainer die Mentalität seiner Landsleute nicht richtig einschätzen kann.

Denn immer nur das Temperament des Rivalen zu reizen und dabei selbst ständig Selbstkontrolle und Disziplin zu wahren, liegt den Spielern aus Istanbul, Izmir oder Ankara nicht unbedingt. Erst recht nicht, wenn fast jeder Portugiese ein modernes Söldnerleben lang in Seria A oder Primera Division abgehärtet ist gegen plumpe Anmache. Joao Pinto, Couto, Rui Costa und später Paulo Sousa haben sich zwar gewehrt, aber so, dass sie nie in die Nähe eines Platzverweises kamen. Lediglich Costinha, der Novize in Portugals Auswahl, ist auf die türkische Revanche-Falle hereingefallen, als er Tayfun mit gestrecktem Bein und meterlangem Anlauf ummähte. An diese Attacke erinnert nun eine fast meterlange Furche im Rasen der AmsterdamArenA. Dem Niederländer Jol wird die Schiedsrichter-Kommission der UEFA erklären, dass hier Rot statt Gelb richtig gewesen wäre. Portugals Trainer Cuelho reagierte auf den Amoklauf seines Klienten in der 40. Minute jedenfalls zügig. Nach der Pause wurde Costinha durch den stress-resistenteren Paulo Sousa ersetzt.

Erdal Keser wäre es peinlich gewesen, im Nachhinein auf diesem unterlassenen Platzverweis herumzureiten. "Wir wollen uns nicht so rausreden", sagte der Ex-Nationalspieler, der in Dortmund ein Büro des türkischen Verbandes betreibt und die EM für seine Delegation mitorganisiert hat. An die Brust klopfen, es waren die eigenen Disziplinlosigkeiten, die den großen Traum kaputtmachten, sagt Keser: "Der Platzverweis hat unser ganzes Spielsystem durcheinandergebracht. Wenn man einer Weltklasse-Mannschaft diese Möglichkeit gibt, dann nehmen sie einen auseinander. Wir sind ja noch gut dabei weggekommen."

Ein gutes und faires Schlußwort. Das 0:2 schmeichelt nämlich den Türken. Über ein halbes Dutzend Tore hätte sich keiner zu beklagen brauchen. Nur weil die Portugiesen so viel Spaß hatten und im Strafraum nicht mehr richtig ernst machten, geriet der EM-Abschied der Türken nicht zur sportlichen Katastrophe. Manche der rot-weiß bemalten Fans haben trotzdem noch eine Stunde nach dem Spiel auf ihren Plätzen gehockt. Versteinert, in tiefer Trauer.

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