Türkische Nationalmannschaft : Sprachlos im Strafraum

Türkeis Fußball steckt vor dem Duell mit Erzrivale Griechenland in der Krise. Statt starker Worte gibt es Selbstzweifel und Kritik am Trainer. Der Verzicht auf Publikumsliebling Hakan Sükür wird Coach Terim übel genommen.

Thomas Seibert[Istanbul]
Türkei Fußball
Letzte Anweisung: Torhüter Hakan Erikan wurde nach einem Patzer aus dem Kader gestrichen. -Foto: dpa

Spiele der Fußballnationalmannschaft gegen den Erzrivalen Griechenland sind in der Türkei normalerweise Anlass für markige Sprüche voller Selbstbewusstsein. Doch vor dem Heimspiel gegen den amtierenden Europameister an diesem Mittwoch in Istanbul herrscht am Bosporus Mutlosigkeit. Nach dem dürftigen 1:1 im EM-Qualifikationsspiel gegen Moldawien am Wochenende erwartet kaum jemand ein Wunder. So schwach waren die Leistungen der Türken in den letzten Spielen, dass selbst der sonst als Held verehrte Nationaltrainer Fatih Terim in die Kritik geraten ist. Nun versucht Terim, die Mannschaft von der Außenwelt zu isolieren. Die Profis mussten sogar ihre Handys abschalten.

Der Hauptschuldige für die Schmach ist für die Öffentlichkeit Torwart Hakan Arikan, der mit einem schweren Fehler den Führungstreffer der Moldawier ermöglicht hatte. Kurz darauf wurde er ausgewechselt und aus dem Kader genommen, offiziell wegen einer Verletzung. In den nächsten zehn Tagen werde der Schlussmann von Besiktas Istanbul nicht in der Öffentlichkeit zu sehen sein, erklärte Arikans Arzt. Doch auch Trainer Terim musste Kritik einstecken. Er habe einige Spieler aufs Feld gestellt, die vorher noch nicht einmal zusammen mit der Nationalmannschaft trainiert hätten. Zudem verzichtete Terim auf den erfahrenen Torjäger Hakan Sükür. Überhaupt sei Terim recht planlos in seinen Aufstellungen, kritisierte die Zeitung „Sabah“: Seit Beginn der EM-Qualifikation habe der Trainer 34 Spieler ausprobiert. Terim sei dabei, sein eigenes Denkmal abzureißen, meinte ein Fernsehsender. Fest steht, dass das Team weit von der Form entfernt ist, mit der es vor wenigen Monaten den viel umjubelten 4:1-Sieg gegen Griechenland in Athen errang. „Es sieht aus, als gäbe es eine Krise“, räumte Terim ein. Immerhin liege die Türkei in der Tabelle aber noch auf Platz zwei.

Für manchen Beobachter manifestiert sich in der schlappen Nationalmannschaft eine größere Krise, die den ganzen türkischen Fußball ergriffen hat. Statt Teamgeist herrsche Eigensinn, stellte der Sportkolumnist Gökmen Özdemir in der Zeitung „Vatan“ fest. Ligaspiele ziehen immer weniger Zuschauer an, Sponsoren wenden sich ab, wegen Schlägereien müssen mehrere Spitzenteams in leeren Stadien spielen – Özdemir zeichnete fünf Jahre nach dem triumphalen dritten Platz bei der WM 2002 ein trostloses Bild vom türkischen Fußball. Um noch eine Chance auf die EM-Teilnahme zu haben, braucht die Türkei nach Özdemirs Meinung drei Dinge: Fehler der gegnerischen Torleute, gnädige Entscheidungen der Schiedsrichter – und Gebete.

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