Sport : Türkische Tücken

Im Fußball-Betrugsskandal macht die Politik den Angeklagten Geschenke – der nächste Skandal.

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Die Woche war so gut wie gelaufen, es war kurz vor Mitternacht, und im türkischen Parlament war nicht mehr viel los. Momente wie diese sind wie geschaffen für Projekte, die von den Politikern lieber diskret behandelt werden. Und so ging alles ganz schnell in der Nacht auf Freitag der vergangenen Woche. In seltener Einmütigkeit und mit weniger als der Hälfte der 550 Abgeordneten im Saal verabschiedeten die vier im Parlament vertretenen Parteien ein Gesetz, das eilig durch die Ausschussberatungen geschleust worden war. Mit der Neuregelung sinken die Strafen für Manipulationen im Sport beträchtlich – und das noch vor Prozessbeginn wegen des größten Bestechungsskandals in der Geschichte des türkischen Fußballs.

Es dauerte ein paar Tage, bis das in der Öffentlichkeit ankam. Erst im Frühjahr hatte das Parlament ein Gesetz verabschiedet, mit dem hart gegen Gewalt in den Fußballstadien und gegen Pfusch am grünen Tisch vorgegangen werden sollte. Und nun wurden wichtige Regelungen revidiert. Der Fußball befinde sich in der Gewalt einer „Bestechungs-Lobby“, heißt es beim Verein Trabzonspor, der sich als Hauptgeschädigter des Skandals sieht.

Auf der Basis des alten Gesetzes hatte die Justiz im Sommer eine spektakuläre Verhaftungswelle gestartet. Anfang Juli ließ die Staatsanwaltschaft den Präsidenten des Meisters Fenerbahce, Aziz Yildirim, sowie fast drei Dutzend weitere Funktionäre und Spieler in Untersuchungshaft stecken. Sie sollen durch Absprachen und Bestechungszahlungen den Wettbewerb in der vergangenen Saison verzerrt und Fenerbache vor Trabzonspor den Titelgewinn ermöglicht haben. Derweil bereitet die Anklage eine Strafforderung von mehr als 80 Jahren Haft gegen Yildirim vor, Anfang Dezember wird die Vorlage der Anklageschrift erwartet.

Dass im Fußball vieles krumm lief, das ahnten viele Türken, doch nur wenige hätten erwartet, dass die Justiz gegen die ganz Großen vorgehen würde. Deshalb sieht die eilig beschlossene Gesetzesänderung nun aus wie ein Rettungsversuch für die prominenten Angeklagten. Sie senkt die Höchststrafe für Manipulationen von zwölf auf drei Jahre.

Der Hauptbeschuldigte Yildirim müsste unter dem neuen Gesetz zwar immer noch mit einer Haftstrafe rechnen, auch weil zusätzlich strafrechtliche Vorwürfe gegen ihn erhoben werden, käme aber wahrscheinlich relativ glimpflich davon. Schon wird über Yildirims baldige Freilassung aus der U-Haft spekuliert.

Erst kürzlich hatte die Regierung eine Nachbesserung des Sport-Gesetzes ausgeschlossen. Nun erklärte sie, die Korrektur diene der Verhältnismäßigkeit von Strafen für verschiedene Delikte. An diese Version glaubt jedoch kaum jemand. In einigen Zeitungen heißt es, Yildirim habe damit gedroht, vor Gericht über eine Verstrickung der Politik in Unregelmäßigkeiten im Sport auszupacken. Andere meinen, die Parteien hätten aus Sorge um die Wählerstimmen der millionenstarken Fan-Gemeinde von Fenerbahce gehandelt.

Selbst in der Regierungspartei AKP wächst der Unmut über das Parlament. Der Abgeordnete Samil Tayyar sprach von einer „Sport-Mafia“ und rief Staatspräsident Abdullah Gül in einem Brief auf, sein Veto gegen die Neuregelung einzulegen. Gül hat bis nächste Woche Zeit, um das neue Gesetz zu prüfen. Zwar könnte sich das Parlament über einen Einspruch des Staatsoberhauptes hinwegsetzen, doch es ist unsicher, ob die Parteien dies angesichts der öffentlichen Kritik wagen würden.

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