Sport : Tumult im Freilufttheater

Der Kampf ums Olympiaticket eskaliert zum erbitterten Streit zwischen zwei Segel-Teams.

von
Die Idylle täuscht. Beim Segeln geht es mitunter überaus rau und lautstark zu. Zumindest wenn man um große sportliche Ziele kämpft, etwa die Olympiateilnahme. Foto: dpa
Die Idylle täuscht. Beim Segeln geht es mitunter überaus rau und lautstark zu. Zumindest wenn man um große sportliche Ziele...Foto: picture alliance / dpa

Berlin - Ulrike Schümann hörte am Ufer alles mit, sie hörte, „wie die sich nur noch anbrüllten“. Ulrike Schümann war selber mal Vize-Weltmeisterin im Segeln, sie kennt Streit, aber irgendwann ist der auch abgehakt. Normalerweise. „Aber jetzt“, konstatiert sie, „ist Krieg.“ Jetzt mischen Anwälte mit, jetzt stoßen Fans im Internet wilde Drohungen aus. Das deutsche Segler-Lager ist in Aufruhr.

Die Brüllerei am Ufer war nur der lautstarke Auftakt. Angebrüllt hatten sich Tina Lutz und Susann Beucke aus Bayern auf der einen Seite und Kathrin Kadelbach vom Verein Seglerhaus am Wannsee und ihre Partnerin Friedericke Belcher auf der anderen Seite, zwei Besatzungen von 470er Jollen. Freilufttheater mit der Segel-WM in Perth im Dezember 2011 als Kulisse. Der Deutsche Seglerverband (DSV) hat nach Perth Kadelbach/Belcher für die Olympischen Spiele vorgeschlagen, Lutz/Beucke fühlen sich um ihre Olympiateilnahme betrogen. Das ist der Hintergrund des Streits. Lutz’ Anwalt Michael Lehner droht schon mit dem Gang zum Landgericht.

Die WM war der letzte von drei Wettbewerben, die für die Olympiaqualifikation entscheidend waren. „Auf dem Wasser haben die sich bekriegt bis aufs Messer“, sagt Ulrike Schümann. Kadelbach/Belcher nahmen in der entscheidenden letzten Wettfahrt ihren Gegnerinnen den Wind, sie verhinderten auch, dass die anderen wenden konnten. „Schon auf dem Wasser wurde gebrüllt“, sagt Ulrike Schümann. Sie ist im gleichen Verein wie Kadelbach, sie hat das Team zur WM begleitet. Vor dem letzten WM-Rennen hatten Kadelbach/Belcher im Kampf um das Olympiaticket knapp vor Lutz/Beucke gelegen, sie mussten jetzt nur noch ihren Vorsprung verteidigen. Dazu durften Lutz/Beucke nach der komplizierten Punkteregelung aber im finalen Rennen nicht zu gut fahren. Deshalb tricksten Kadelbach/Belcher nach Kräften. Mit Erfolg. Lutz/Beucke fuhren gut genug, um Deutschland bei der WM überhaupt einen Startplatz für Olympia zu sichern, sie waren aber bei der gleichzeitigen nationalen Olympiaqualifikation nicht gut genug, um Kadelbach/Belcher abzufangen.

Die spannende Frage lautet nun: Durften Kadelbach/Belcher diese Tricks anwenden? „Nein“, sagt Lehner. „das war sportlich unfair.“ „Ja“, sagt Gerhard Philipp Süß, der DSV-Generalssekretär, „das entsprach den Regeln. Seit jeher hat man solche taktischen Tricks angewandt.“ Auch die WM-Jury habe das so gesehen.

Aber Lehner hakt sich an einem speziellen Punkt fest: Kadelbach und Belcher hätten die „Matchrace-Strategie“ angewandt. Diese Strategie, im Klartext: die Tricks des Berliner Boots, „war in den Richtlinien für die Olympiaqualifikation nicht vorgesehen“. Eine Matchrace-Strategie ist zwar schon lange vom Weltverband erlaubt, aber anwenden durfte man sie nur, um in dem Rennen, in dem man sich gerade befand, einen Vorteil zu erhalten. Kurz vor der WM modifizierte der Weltverband diese Regelauslegung. Ab sofort durfte man auch tricksen, wenn man noch andere sportliche Ziele anpeilt. Zum Beispiel ein Olympiaticket. Lehner sagt nun, im Namen seiner Mandantin Lutz: „DSV-Sportdirektorin Stegenwalner hatte in Perth erklärt, dass der DSV eingreifen werde, wenn jemand die Matchrace-Strategie anwende.“ Kadelbach widerspricht energisch. Bei einem Treffen von DSV-Funktionären, darunter Stegenwalner sowie Lutz/Beucke, habe DSV-Vizepräsident Haverland „bestätigt, dass es keine Einwände gegen unsere Matchrace-Taktik“ gebe. Auf „ausdrückliche Nachfrage von Lutz/Beucke“ habe Haverland erklärt, dass der Weltverband „die Matchrace-Taktik als zulässig und fair qualifiziert“ habe.

Aber für Süß ist dieser Punkt sowieso nebensächlich. „Selbst wenn Frau Stegenwalner diese Zusage gegeben hätte, wäre sie nicht relevant gewesen.“ Allein der Punkt „War laut Regel alles fair?“ sei entscheidend. Fair auf dem Wasser? Schwieriges Thema. Es gibt zum Beispiel Vorfahrtregeln. Wer die clever anwendet, kann einen Gegner ausbremsen. Süß erklärt das mit einem simplen Beispiel. „Wenn ich zuerst in eine Straße fahren darf, weil ich von rechts komme, nehme ich mir die Vorfahrt. Das ist regelgerecht. Wenn ich aber von links komme und dem anderen die Vorfahrt nehme, ist das gegen die Regeln.“ Und Kadelbach habe sich den Vorteil regelgerecht genommen. „Kathrin hat auf Tina aufgepasst, ganz einfach“, sagt Ulrike Schümann,

Solche Manöver sind Alltag. Dass sich allerdings zwei Boote aus dem gleichen Land, ausgerechnet bei einer WM, so beharken, „ist selten“ (Süß). Lehner möchte zumindest ein Ausscheidungsrennen um das Olympiaticket, aber dazu müssten Kadelbach/Belcher zustimmen. Wer zu Olympia fährt, entscheidet letztlich aber der Deutsche Olympische Sportbund. Der will sich bald mit allen Parteien zusammensetzen.

Mit pingeliger Regelauslegung halten sich diverse Segelfans allerdings nicht auf, viele sind empört, wie sich Kadelbach/Belcher das Olympiaticket gesichert haben. Es geht um Moral und Anstand, in Foren streiten die Anhänger beider Lager erbittert miteinander. Segeln ist ein feiner, edler Sport? In den Klischees vielleicht. Im Internet nicht. Da schreibt ein User an Kadelbach/Belcher: „Wenn ihr nach Bayern kommt, überfahren wir Euch mit dem Motorboot.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar