Sport : Tuning auf dem Eis

Ernst Podeswa

Gunda Niemann-Stirnemann hat ihn probiert, Claudia Pechstein ist mit ihm gelaufen, Frank Dittrich hat mit ihm ebenso experimentiert wie Monique Garbrecht-Enfeldt. Aber so recht anfreunden konnte sich keine dieser Größen der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) mit dem neuen "Wunderschlittschuh". "Die Einzige, die gut mit ihm klarkommt, ist Anni Friesinger", sagt die Berlinerin Monique Garbrecht-Enfeldt, mehrfache Weltmeisterin im Sprint. Was die Weltmeisterin im Mehrkampf und Olympiafavoritin über 1500 m umgehend bestätigt. "Das ist halt auch ein wenig Glückssache, dass er wie bei mir auf Anhieb passt", sagt Anni Friesinger aus Inzell.

Davon kann man sich am Sonnabend (Beginn 12 Uhr) und am Sonntag (13 Uhr) beim Weltcup der Eisschnellläufer im Sportforum Hohenschönhausen überzeugen. Teilnehmer aus 22 Nationen haben sich für die 1500 m und 3000 m der Frauen sowie die 1500 m und 5000 m der Männer gemeldet.

Dabei interessieren nicht nur die Rennen der Medaillenkandidaten für die Olympischen Winterspiele Anfang Februar in Salt Lake City. Zugleich werden Trainer und Betreuer mit Argusaugen nach technischen Neuerungen spähen. Denn seit Monaten geistern darüber Gerüchte durch die Eisschnelllaufwelt. Er habe gehört, so der Weltklasse-Langstreckler Frank Dittrich aus Chemnitz, "dass die Holländer an einem Schlittschuh mit Doppelklapp-Mechanismus basteln". Dabei könne man nicht nur die Ferse des Schuhs heben, sondern auch die Lage des Vorderfußes verändern. "Um einen noch längeren Abdruck vom Eis zu haben", erklärt der 34-jährige Dittrich. Monique Garbrecht-Enfeldt hat vernommen, dass die Konkurrenz an Schuhen tüftelt, "bei denen der Klappmechanismus erst nach den ersten sechs oder sieben wichtigen Schritten nach dem Start einsetzt".

Dittrich wie Garbrecht-Enfeldt kamen als olympische Medaillenanwärter der DESG in den Genuss der deutschen Schuh-Neukreation. Nach erfolgreicher Arbeit im Radsport, Rudern oder Kanu ist das Forschungsinstitut für Sportgeräte (FES) in Berlin-Köpenick dem Wunsch der Eisläufer nach einem High-Tech-Gerät nachgekommen. Dabei ist eine Gewichtsreduzierung von "80 bis 100 Gramm je Schuh herausgekommen", wie Markus Eicher, Trainer von Anni Friesinger, bestätigt. Erreicht wurde das dadurch, dass der Teil zwischen Schuh und Schiene, "Torpedo" genannt, statt aus Stahl aus Karbon gefertigt wurde. "Das deutlich verringerte Gewicht könnte gerade auf längeren Strecken viel Zeit bringen", meint Dittrich. Und auf den "Geraden merkt man auch, dass der Schlittschuh schneller gleitet", wie Dittrich beobachtet hat. Das hängt auch mit einer neuartigen Stahllegierung für die Gleitschiene zusammen, die das FES nach zahlreichen Versuchen herausgefunden hat.

Doch die leichten Karbonfasern verformen sich unter den enormen Fliehkräften in den Kurven. "Ich hatte das Gefühl, dass die Schlittschuhe immer geradeaus liefen und ich ganz stark gegensteuern musste, um nicht aus der Kurve zu fliegen", sagt Monique Garbrecht-Enfeldt, die als Kurzstrecklerin am Wochenende nicht dabei ist. Beim Sprint-Weltcup am ersten Dezemberwochenende in Salt Lake City vertraut sie ihrem alten Material, "mit dem ich ja Weltmeisterin geworden bin und den Weltrekord gebrochen habe". Dittrich hat nach ähnlichen Wahrnehmungen mit dem Karbon-Torpedo vor einer Woche bei den Deutschen Meisterschaften nach missratenem Lauf über 5000 m über 10 000 m mit seinem herkömmlichen Gerät einen neuen Bahnrekord aufgestellt. Auch er will vorerst beim alten Schuh bleiben, hofft aber, dass die Experten vom FES das neue Produkt nach seinen Hinweisen verändern können.

Günter Schumacher, DESG-Sportdirektor, ist überzeugt, "dass wir im Eisschnelllauf vor einer neuen Etappe auf dem Materialsektor stehen". Der Münchner spricht von einer "Phase des Tunings, ähnlich wie in der Formel 1 oder im Skilauf". Habe man früher den Anteil des Materials - Schlittschuhe und Anzüge - im Eislaufen auf 0,5 Prozent am Resultat veranschlagt, so glaubt er, "dass man da bis zu fünf Prozent herausholen kann".

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