Turbine : Plötzlich ganz oben

Das große Ziel lautet: 2011, im Jahr der Frauen-Fußballweltmeisterschaft, will Turbine Meister werden. Doch schon jetzt stürmt das Team an die Tabellenspitze.

Helen Ruwald

BerlinBernd Schröder kümmert sich seit fast vier Jahrzehnten um Wohl und Wehe von Turbine Potsdams Fußballerinnen. Keiner kann dem Trainer etwas vormachen – doch manchmal wird auch er von den Ereignissen überrollt. Eigentlich erst 2011, im Jahr der Frauen-Fußball-WM in Deutschland, „wollen wir das große Ziel erreichen und Meister werden. Dieses Jahr hat das Pokalfinale Priorität“, sagt Schröder. Gut möglich, dass seine Spielerinnen den Plan durcheinanderwirbeln. Der Pokal-Halbfinalist hat am Wochenende ganz ungeplant die Tabellenführung übernommen und sechs Spieltage vor Schluss schon 38 Punkte – so viele wie in der gesamten vergangenen Saison. Die endete auf Platz drei, mit 16 Zählern Rückstand auf den Meister 1. FFC Frankfurt, der heute als Tabellenvierter im Karl-Liebknecht-Stadion Babelsberg antritt (17.30 Uhr).

Turbine hat sich nach dem Meistertitel 2006 durch zwei Jahre des Umbruchs gekämpft, den Abgang vieler deutscher Nationalspielerinnen wie Nadine Angerer, Ariane Hingst und Conny Pohlers verkraftet und all jene eines Besseren belehrt, die das Ende der Ära Schröder vermuteten. Potsdam hat die letzten fünf Spiele gewonnen (darunter 3:0 beim damaligen Ersten Duisburg), kommt 2009 auf 21:2 Tore, verfügt über die beste Abwehr und den zweitbesten Angriff. „Uns hatte niemand auf der Rechnung“, sagt Nationalstürmerin Anja Mittag, die schon 14 Tore erzielt hat. „Wir hatten Glück, dass wir auch in schlechten Spielen getroffen haben. Das war letzte Saison nicht so.“ Schröder spricht dennoch von „einer Momentaufnahme“. Schließlich haben die Verfolger FC Bayern (36 Punkte), Duisburg (35) und Frankfurt (34) ein Spiel weniger absolviert.

Traditionell setzt Potsdam auf den eigenen Nachwuchs, zahlreiche Spielerinnen sind 20 Jahre alt und jünger. Dass aber mit Tabea Kemme und Marie-Louise Bagehorn zwei 17-Jährige sofort einen Stammplatz erkämpft haben, „das war nicht zu erwarten“, sagt Schröder. Gerade das jugendliche Alter und damit verbundene Leistungsschwankungen sind es aber, die Schröder vorsichtig werden lassen. „Das ist ein schmaler Grat“, sagt er. Zumindest dieses Problem hat das routinierte Frankfurter Team nicht, das im DFB-Pokal ebenso gescheitert ist wie im Uefa-Cup. Den langen Ausfall zahlreicher verletzter Leistungsträgerinnen wie Pohlers und Prinz „kann kein Team kompensieren“, sagt Frankfurts Manager Siegfried Dietrich. Zumindest Prinz ist wieder fit und traf zuletzt beim 8:0 gegen Herford fünfmal. „Und die Konkurrenz ist stärker geworden“, sagt Dietrich. „Das ist die neue Qualität der Bundesliga. Wir sehen das auch mit einem lachenden Auge.“

Weniger gefreut hat ihn, dass Weltmeisterin Fatmire Bajramaj im Sommer von Duisburg nach Potsdam wechselt. „Frankfurt kam ein bisschen spät, da war der Vertrag schon unterschrieben“, sagt die 20-Jährige, die an Turbine Potsdam „die Professionalität“ lobt. Ein Begriff, der lange vor allem mit dem 1. FFC Frankfurt verbunden war.

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