Turmspringerin Annett Gamm : "Angst ist immer dabei"

Chlorwasser, Schmerzen, kaum Publikum – und das Ganze dauert nur 1,5 Sekunden. Komischer Sport? Annett Gamm erklärt die Faszination des Turmspringens.

Interview: Frank Bachner,Norbert Thomma
Gamm
Am Schlimmsten ist das Runterschauen. Annett Gamm im Einsatz.Foto: dpa

Annett Gamm, 31, springt bei den Olympischen Spielen vom 10-Meter-Turm. Sie war bereits mehrmals Europameisterin und hofft nun in Peking auf eine Medaille. Schon im Kindergarten wurde ihr Talent fürs Turmspringen entdeckt. Gamm ist Zeitsoldatin im Rang eines Stabsunteroffiziers und lebt in Dresden.

Frau Gamm, der Comiczeichner Tom malt gern einen kleinen Jungen, der im Schwimmbad rumhängt und Ausreden findet, warum er nicht auf den Sprungturm klettert.

Ich kann den Kleinen verstehen, er hat Angst.

Sie springen seit Jahren jeden Tag ins Wasser. Wie haben Sie sich als Kind überwunden?

Ich war ein Angsthase. Ich sollte mich mit dem Bauch auf eine Rutsche legen und ins Wasser gleiten, ich hab mich nicht getraut und bin in der Reihe jedes Mal nach hinten geschlichen. Als der Trainer das bemerkte, hat er mich auf die Rutsche gesetzt – ich hab mich festgekrallt.

Und?

Irgendwann hatte er die Schnauze voll, packte mich an den Füßen und ließ mich ins Wasser fallen.

Sie gingen auf die KJS, eine Kinder- und Jugendsportschule in Dresden, wo in der DDR Spitzenathleten heranreiften.

Ja, ich war da ab der dritten Klasse, das war damals ein Privileg, das musste man sich verdienen. Nur wer einen Test bestand, durfte dort hingehen und dann Leistungssport machen.

Wie hat das bei Ihnen angefangen?

Im Kindergarten. Die Übungsleiter gingen in die Kindergärten zur Sichtung und sagten: Der könnte für diese Sportart passen und die dafür. Mit dem Wasserspringen zu beginnen war nicht meine eigene Entscheidung. Heute ist es für mich ein Rätsel, wie ich es so weit geschafft habe. Ich hatte viel Angst und wollte mich eher drücken.

Angela Merkel hat erzählt, sie habe als Kind mal 45 Minuten auf dem Sprungbrett gestanden und sei dann nur ins Wasser gehüpft, weil die Schulstunde zu Ende war.

Ich kenne das gut. Und je länger man wartet, desto mehr Angst entwickelt man. Ich hab im Kindesalter manchen Sprung verweigert. Ich habe mich auf dem Turm hingesetzt und einfach nur geheult, eine ganze Stunde lang.

Das wurde geduldet?

Nein. Der Trainer sagte, jetzt rennst du zur Strafe 20 Mal im Dauerlauf um die Halle! Das waren andere Zeiten, da war ein harter Zug drin, wenn heute ein Kind nicht springen will, springt’s nicht.

Erinnern Sie sich an Ihr erstes Mal vom 10-Meter-Turm?

Da war ich sechs. Wir haben Staffelspiele gemacht, es war Gleichstand, die Höhe entschied. Einer aus der anderen Gruppe sprang von zehn Metern, und das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen. Es hat gezwiebelt an den Fußsohlen.

Nun machen Sie etwa 10 000 Sprünge im Jahr, davon 2500 von zehn Metern. Der Schmerz ist zur Routine geworden?

Große Schmerzen sind selten, aber eine gewisse Angst ist immer dabei. Einige Sprünge sind sehr schwierig, man kann sich verletzen, man kann blöd ins Wasser fallen, es kann alles Mögliche passieren. Und dann steh ich da oben, und das Herz klopft ganz doll. Das geht bis kurz vor dem Hyperventilieren. Muss ich mich eben überwinden.

Keiner zwingt Sie.

Nein, ich bin es gewohnt, von zehn Metern zu springen. Ich hab ja nicht vor jedem Sprung richtig Angst, ich schau da auch nicht runter und denke, boah, ist das heute wieder hoch! Was ich sagen will ist nur: Sie geht nie ganz verloren, die Angst.

Die Felsenspringer von Acapulco machen es aus 30 Metern Höhe, Stefan Raab ist mal aus 17 Metern ins Wasser gesprungen …

… und das fand ich mutig. Für mich wär’s nichts. Es ist ja nicht nur der harte Aufschlag, sondern das Runterschauen. Es sieht von oben immer doppelt so hoch aus wie von unten. Ich mag es auch gar nicht, beim Kopfsprung die ganze Zeit das Wasser auf mich zukommen zu sehen. Lieber dreimal in der Luft drehen, da bin ich beschäftigt.

Schon von zehn Metern prallen Sie mit etwa 60 km/h auf. Experten sagen, da sei Wasser so hart wie Beton. Das muss doch verdammt weh tun.

Selten. Mein böses Erlebnis hatte ich mit 18 in Bonn. Ich wollte einen Dreieinhalb-Salto vorwärts springen und hatte einen Blackout. Ich wusste nicht mehr, wo oben und unten ist, bin platt mit dem Bauch aufgeschlagen, null Wasserverdrängung. Es war der schlimmste Bauchklatscher meines Lebens, mein Körper wurde blau von oben bis unten. Bis auf ein angerissenes Lippenbändchen ist nichts passiert.

Skispringer sollen nach einem Sturz sofort weitermachen, damit sich dieser nicht im Kopf festsetzt.

Auch ich bin weiter im Programm, nur als ich dann im Wettkampf denselben Sprung machen sollte, habe ich geistig gewürfelt: Ich springe, ich springe nicht ... Es war gut, zu springen, wer weiß, ob mir das sonst einen Knacks gegeben hätte.

Seit mehreren Jahren konsultieren Sie einen Psychologen, auch deswegen?

Angst war nicht der Hauptgrund, die habe ich zu 98 Prozent im Griff. Es geht um die Wettkämpfe und darum, Sprünge im Kopf zu verarbeiten.

Wie das denn?

Ich muss mir den Sprung als Bild vorstellen können, und ich muss dieses Bild im Körper richtig spüren. Ich schließe die Augen und sehe mich an die Turmkante treten, ich hebe die Arme, ich drücke mich ab, dann das Drehen, Strecken und Eintauchen. Es kann sein, dass ich den Absprung drei Mal wiederhole, bis er perfekt ist. Meine Erfahrung sagt: Was im Kopf nicht funktioniert, klappt auch nicht bei der realen Umsetzung.

Vom Turm ins Wasser fallen Sie in eineinhalb Sekunden.

Im Kopf dauert der Sprung wesentlich länger, Zeitlupe, das kann schon 20 Sekunden lang gehen. Ich bin ein Kopfspringer.

Ihr Psychologe sagt, Sie würden „Körperwanderungen“ üben.

Das dient der Entspannung und der Konzentration, damit kann ich auch den Herzschlag runterfahren. Ich lege mich hin und gehe mit meinen Gedanken durch den rechten Arm in den kleinen Finger und so weiter. Kennen Sie den Film „Die Reise ins Ich“?

Da fährt ein Mini-U-Boot durch die Blutbahnen eines Menschen.

So in etwa können Sie sich das vorstellen. Ich spüre ein Kribbeln in den Fingern, alles wird wärmer und der Körper wird schwer, ich stelle mir vor, wie er in diese Pritsche einsackt. Man baut da in kurzer Zeit viel Energie auf, das ist schon gewaltig.

Und wofür? Bei der Deutschen Meisterschaft in Berlin saßen zwei Dutzend Familienangehörige auf der Tribüne.

Schade, ja. Es gibt aber schon Veranstaltungen, zu denen einige hundert Zuschauer kommen.

Dabei trainieren Sie weit mehr als jeder umjubelte Fußballprofi.

Das reine Training sind so fünf bis sechs Stunden jeden Tag, ohne Physiotherapie. Wir üben die Sprünge ins Wasser, springen Trampolin, machen Krafttraining, dazu Akrobatik auf einer langen Bahn mit Flickflack und Salto.

Sollten Sie in Peking ins Finale kommen, haben Sie fünf Sprünge zu absolvieren. Die sehen spektakulär aus, elegant. Und doch sind Sie dann insgesamt genau siebeneinhalb Sekunden in Aktion zu sehen ...

... stimmt ...

... und dann geht so ein Salto mit doppelter Schraube so schnell, dass selbst Fachleute die Feinheiten nur in Zeitlupe beurteilen können.

Ich gebe ja zu, für Zuschauer ist das Wasserspringen schwer nachzuvollziehen. Die sehen, da fällt einer ins Wasser, spritzt wenig, sieht gut aus.

In China wenigstens werden die Leute aus dem Häuschen sein, dort ist Ihr Sport richtig populär.

Ja, in die olympische Schwimmhalle in Peking gehen fast 17 000 Leute, sie war rasch ausverkauft.

Die Doppel-Olympiasiegerin Guo Jing Jing soll mehrfache Dollarmillionärin sein.

Sie ist in China ein Star. Wenn Sie in Peking auf dem Flughafen ankommen und ein Gepäckwägelchen nehmen, da habe ich mehrere chinesische Wasserspringer auf Werbeflächen gesehen.

Vor fünf Jahren gab es in Berlin einen dramatischen Unfall. Andreas Wels schlug mit dem Kopf ans Brett und hat sich, wie eine Zeitung schrieb, „fast den Schädel gespalten“.

Ich war dabei und habe es gesehen. So was erschreckt einen. Mal eine Platzwunde, das kennt jeder, aber Andy hat es schon heftiger getroffen.

Sie erzählen das so cool.

Ich habe Arzthelferin gelernt und in der Chirurgie gearbeitet, vielleicht ist das ein Vorteil. Es haut mich nicht gleich um, wenn ich einen blutüberströmt liegen sehe. Der Andy springt ja längst wieder, und ich glaube, schlimmer als die Verletzung ist das psychische Problem. Irgendwann steht man da und muss diesen Sprung wieder machen.

Auch von Ihnen heißt es, Sie hätten einen Angstsprung.

Das ist der Dreieinhalb-Delfin. Da steht man zehn Meter hoch auf Zehenspitzen am Turmrand, den Rücken zum Wasser, springt nach hinten ab und dreht schnell nach vorne. Da ist natürlich immer die Sorge, dass der Kopf an die Turmkante schlägt. Ich hatte Phasen, da bin ich so dicht am Turm vorbei ...

... das sind fünf, sechs Zentimeter, die Sie da mit den Fingern zeigen ...

... und hatte immer Glück. Es genügt aber völlig, wenn nur die nassen Haare mit Wucht dagegenknallen, allein dieses Geräusch fährt einem in die Knochen. Es war ein Gefühl, als würde ich mich selbst skalpieren. Da kriegt man das Herzstolpern. Als gingen Sie durch einen dunklen Wald, und plötzlich springt einer überraschend vom Baum. Dieser Sprung ist mein Trauma.

Die Sitzungen mit dem Psychologen helfen nicht?

Nee, das kriege ich nicht mehr weg.

Frau Gamm, Sie haben eine leuchtende Narbe auf dem linken Handrücken. Ist das ein Zeichen für die Gefährlichkeit des Wasserspringens?

Das ist im Oktober in Indien passiert, da kam Wind von vorn, und die Hand ist ans Brett geschlagen. Ich dachte, es sei nur eine Schramme, aber am Beckenrand sah ich, die ist kaputt, der Knochen ist richtig verschoben. Jetzt hab ich eine Platte drin. Sie hat mich bei der Vorbereitung auf Peking nicht behindert.

Viele Wasserspringer vermeiden das Wort Angst, sie sagen stattdessen: Respekt.

Manche sagen auch Fracksausen Ich habe mit dem Wort Angst kein Problem. Sie schützt mich, weil ich Adrenalin ausschütte. Wenn ich so larifari auf den Turm steige, springe ich schlecht.

Sie steigen auf den Turm, Sie rubbeln sich trocken, Sie werfen das Tuch und die Badeschlappen vom Turm, Sie springen ins Wasser, Sie duschen, Sie trocknen sich ab, Sie steigen wieder hoch. Die Faszination erschließt sich einem nicht so leicht.

Man wächst da langsam hinein, und dann ist es Gewohnheit. So wie Eiskunstläufer ständig Kringel ziehen. Und warum ich mich so sorgfältig abtrockne, kann ich leicht erklären: Bei den Salti halte ich mich an den Unterschenkeln fest, und bei diesen Fliehkräften rutschen die Hände leicht ab, wenn die Haut nass ist.

Sie reiben sich auch die Beine ein.

Rasiercreme macht die Haut schön stumpf.

Hautärzte raten, nicht jeden Tag zu duschen. Ihren Sport würden die kaum empfehlen.

Wahrscheinlich nicht. Doch Wasser ist sehr unterschiedlich. In Peking sahen wir alle aus, als hätten wir Sonnenbrand, die Haut total gerötet und trocken. Keine Ahnung, was da drin war. Zu viel Chlor? Da hilft nur: eincremen. Ich habe in meinem Leben schon viel, viel Hautcreme verbraucht.

Was uns aufgefallen ist: Unter dem Sprungturm machen permanent kleine Luftbläschen das Wasser unruhig. Warum? Glattes Wasser sieht schöner aus.

Schon, nur dann erkenne ich die Wasseroberfläche nicht mehr, sondern sehe durch bis auf den fünf Meter tiefen Beckengrund. Ich muss das Wasser aber sehen, zur Orientierung beim Eintauchen.

Dieses Eintauchen ist ein großes Mysterium. Das Regelwerk sagt, es solle „spritzerlos“ geschehen. Da dreht sich ein Körper in der Luft mit Salti und Schrauben, schießt mit 60 km/h ins Wasser und verschwindet dort im Idealfall mit einem schmatzenden Geräusch – und das Wasser bewegt sich kaum. Wie geht das?

Das ist ja die Kunst. Ich lege meine Hände übereinander und halte sie fest, die Handflächen zeigen zum Wasser ...

... aber ausgestreckte Finger würden doch dem Wasser viel weniger Widerstand bieten.

Nein, nein, Finger und Handgelenke würde es Ihnen abknicken bei dieser Wucht. Außerdem stoße ich mit den Handflächen eine Art Tunnel ins Wasser, vor dem Aufprall drücke ich aus den Schultern nach vorne. Diese Gegenspannung ist wichtig, damit es nicht spritzt, und in diesen Tunnel stoßen dann die Schultern und der Rest des Körpers. Sie müssen sich die Wasserverdrängung wie einen spitzen Kegel vorstellen. Wenn der Oberkörper verschwunden ist, ziehe ich die Arme auseinander, um das Wasser weiter zu verdrängen, und mache eine Rolle. Dadurch entsteht ein Sog, es ist, als würde man das Wasser nach sich ziehen. Wenn das alles klappt, spritzt auch nichts.

Nun war viel von Angst und Verletzungen die Rede. Kennen Sie auch Momente höchsten Glücks?

Ja. Wenn ich pfeilgerade ins Wasser schieße, perfekt und elegant, da spüre ich schon an den Händen: das passt, dann macht das spritzerlose Eintauchen noch so ein schmatzendes Geräusch – super. Ich habe das sogar schon oben auf dem Turm gefühlt, Augen zu, konzentrieren, und dann hörte ich die Zuschauer jubeln: vor dem Sprung!

Wenn Sie gestikulieren, sieht man Ihren Trizeps, einen beeindruckenden Muskelberg.

Ich komme ja nicht immer rechtzeitig in die Streckung, dann ist es der Trizeps, der die Macht des Wassers aushalten muss. Wir brauchen reichlich Kraft in Bauch und Rücken. Einen normalen Menschen würde es zusammenfalten, dem knackt einfach der Rücken weg.

Haben Sie denn auch sonst Angst, eine Phobie?

Nein, obwohl, ja: Ich mag große Spinnen nicht. Da greife ich zum Staubsauger.

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