Turn-Weltmeisterschaft : Oksana Chusovitina überlistet die Turnwelt

Sie hat Medaillen geholt, auch für Deutschland. Oksana Chusovitina ist doppelt so alt wie ihre Konkurrentinnen und hat bei der Turn-WM das Finale erreicht. Wie macht sie das?

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Sie hat, so sagt sie, alles, was eine Frau zum Leben brauche: einen Mann, einen Sohn – Familie. Sie führt, sagt sie, ein ganz normales Leben.

Ihr Mann und ihr Sohn leben in Taschkent, gut 5000 Kilometer entfernt von Antwerpen, wo sie sich im Augenblick aufhält. Vor zwei Wochen war sie in Tokio, drei Wochen davor in Houston, Texas. Überall, in Houston, Tokio, Antwerpen führt sie ihr ganz normales Leben, so wie sie es kennt seit 30 Jahren. Sie fliegt durch die Lüfte der Turnhallen, dreht sich um sämtliche Achsen, um die ein Mensch sich nur drehen kann, landet immer wieder auf ihren kleinen Füßen, manchmal auch nicht, aber das kommt selten vor. Es sehen ihr dabei Mädchen zu, die jeden Tag doppelt so lange trainieren wie sie, biegsame, starke Mädchen, voller Bewunderung für diese Frau. Sie könnte ihre Mutter sein, ist aber noch biegsamer, noch stärker. Sprünge, die die Mädchen nach fünf Anläufen nicht schaffen, schafft sie im ersten. Sprünge, die sie springt, werden die Mädchen in ihrem Leben nicht springen.

Klein, jungenhaft und schmal

Oksana Chusovitina ist wieder bei einer Weltmeisterschaft dabei, es ist ihre zehnte. Seit Montag gehen die besten Turner dieser Welt in Antwerpen ihrer gefährlichen Beschäftigung vor großem Publikum nach, sie dehnen ihre Bänder, stauchen ihre Wirbelsäulen, sie fliegen über Turnpferde und hoffen, dass sie nicht nur heil am Boden ankommen, sondern auch noch kerzengerade.

Bei ahnungslosen Zuschauern lösen die Turnerinnen merkwürdige Gefühle aus: Was sind das für zarte, kleine Wesen, die sich da ins Hohlkreuz werfen? Sollten Mädchen dieses Alters nicht pubertieren? Sollten sie nicht in die Schule gehen? Dann sehen die ahnungslosen Zuschauer Oksana Chusovitina, ebenso klein, jungenhaft und schmal wie alle anderen, aber doch sehr anders: viel sehniger, kein bisschen Speck zwischen Haut und Muskeln, die Gesichtszüge markant, erwachsen. Und sie hören über Lautsprecher, wie gleich nach dem schwierigen Namen ihr Alter erwähnt wird: 38 Jahre. Die Konkurrentinnen sind eher 16, die ältesten ein wenig über 20.

Wie ist das möglich?

In Rio, 2016, will sie dabei sein

Oksana Chusovitina zuckt mit den Schultern. „Warrrrum soll nicht meglich sein?“, sagt sie in ihrem lustigen russischen Akzent und strahlt. Nächste Frage bitte.

Das klingt nach einem schwierigen Gespräch. Aber das Gespräch ist gar nicht schwierig. Man muss nur diese Fragen nach dem Alter bleiben lassen, die bringen überhaupt nichts. Und man darf nicht ganz humorlos sein. Als sie sagt, sie würde noch gern bei den nächsten Olympischen Spielen mitmachen, 2016 in Rio, lächelt sie ein wenig, und man fragt lieber nach, ob das ein Witz war. „Nein, kein Witz!“, sagt sie und reißt ihre kleinen Augen so weit auf, dass sich eine Nachfrage empfiehlt. Vielleicht so: Wie alt sind sie dann, 2016?

„Achtzehn“, sagt sie, lehnt sich zurück und guckt, wie das ankommt. Also doch ein Witz. Dann kommt ein: „Pffft, 40, 41, ich weiß nicht. Aber ich will mitmachen, natürlich.“

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