Sport : Turnen: Als selbst Ion Tiriac nicht mehr mürrisch war

Er breitete seine Arme ganz weit aus, strahlte durch seinen gewaltigen Bart hindurch, und seine Augen bekamen wässrigen Glanz: Als wären es die eigenen Töchter, herzte und umarmte Rumäniens sonst so mürrischer NOK-Präsident Ion Tiriac sein Kunstturnerinnen-Sextett, das in Sydney das erste olympische Mannschafts-Gold seit 16 Jahren gewonnen hatte. Und als sich dieses freudetrunkene Menschenknäuel in den Katakomben des Superdomes wieder auflöste, zierte eine Mischung aus Tränen und Make-up-Resten sein vorher blütenreines Hemd.

Doch dem hartgesottenen Tennis-Promoter war an diesem denkwürdigem Abend alles egal. "Das ist ein großer Triumph für das kleine Rumänien", sagte der ehemalige Manager von Boris Becker mit Würde in der Stimme. Fast 20 Minuten lang hatte Tiriac mit den Athletinnen und ihrem Trainer Octavian Belu vor dem Ergebniscomputer um den Sieg gezittert. Das Team um Sprung-Olympiasiegerin Simona Amanar hatte zwei Gerätdurchgänge und bange Minuten als Zuschauer zu überstehen, bevor endlich Jubel ausbrach. Das Los hatte gewollt, dass die Turnerinnen aus Russland und China bei den letzten zwei Geräten allein auf dem Podium waren. Aber 154,608 Punkte reichten zum Sieg, Russland (154,403) und China (154,008) gelang es nicht mehr, an den Weltmeisterinnen vorbei zu ziehen.

Im Focus standen nicht nur die Turnerinnen der Extraklasse bei dem Turn-Festival im Superdome bei Rhythmen von Mambo Number 5, sondern ein Trainer, der 1996 in Atlanta die Amerikanerinnen zum Olympiasieg führte: Bela Karoli, den sie in Rumänien und auch in USA den "Meistermacher" nennen, hatte sich nach dem Absturz seiner Mannschaft bei der WM 1999 wieder zur Verfügung gestellt. Er steht dem Team zumindest offiziell nun als Koordinator hinter den Kulissen zur Verfügung. Am Dienstag zwängte er sich jedoch durch die Zuschauerreihen, um von den Rängen die Mannschaft als Souffleur zu betreuen. Doch die Ameikanerinnen wurden nur Vierte. Dass Karolyi, vor 19 Jahren in die USA geflüchtet, einen Teil des Erfolges für sich reklamierte, konnte die Rumänen bei ihrem Jubel nicht beirren. "Ich bin stolz, denn auch ich bin ein kleiner Teil des Weges zum Erfolg", sagte er.

Eher als bei ihm konnten sich die siegreichen Rumäninnen bei Russlands Kunstturn-Star Swetlana Schorkina bedanken. Ausgerechnet am Stufenbarren, wo die Diva aus Moskau seit fünf Jahren ungeschlagen ist, stürzte sie diesmal vom Gerät. Laut Reglement wurden der Olympiasiegerin für diesen Fehler 0,5 Punkte abgezogen, exakt die fehlten am Ende zur Goldmedaille.

"Ich war nach meinem Patzer nicht geschockt, sondern habe mich voll konzentriert", berichtete die 21-Jährige, die mit exzellenten Übungen am Schwebebalken und am Boden ihrem Team Platz Platz rettete. Die Hoffnung, sich selbst am Donnerstag (10 Uhr MESZ) zur Turnkönigin zu krönen, hat sie nicht aufgegeben: "Wenn ich ohne Fehler bleibe, habe ich gute Chancen.

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