Turnen : Andreas Hirsch: Mann der leisen Töne

Die deutschen Turner sorgten bei der WM in Stuttgart für die erste Mannschaftsmedaille seit 16 Jahren. Dahinter steht mit Andreas Hirsch ein akribischer Arbeiter als Vater des Erfolgs.

Frank Thomas[dpa]

StuttgartDie Glückwünsche nahm er wohl entgegen, doch sonnen wollte er sich im Erfolg nicht. "Geturnt haben die Turner." Das war der erste Satz von Andreas Hirsch nach dem großartigen Erfolg der deutschen Turn-Riege mit Platz drei bei der Weltmeisterschaft in Stuttgart. Für den Cheftrainer aus Berlin gab es keine Veranlassung, sich nach dem spektakulären Coup großartig ins Rampenlicht zu schieben. Aber Sportler, Trainer und Funktionäre sind sich einig: Der Name Hirsch steht für den Aufschwung, ohne ihn wäre die Party von Stuttgart nicht möglich gewesen.

Während die Turner nach dem großen Kampf in der Schleyer-Halle Superlative wie "überwältigend", "megageil" oder "grandios" bemühten, blieb Hirsch bescheiden. "Ich danke dem Team, dass es zusammen durch dünne und angedickte Zeiten gegangen ist", sagte er. Das Team - das ist seine Philosophie.

"Wir haben Fabian Hambüchen nicht zum Star erkoren. Unser Star ist die Mannschaft", hatte er schon vorab immer wieder verlauten lassen. Und der 49-Jährige hatte Erfolg mit seinem Modell. Thomas Andergassen, Robert Juckel oder Eugen Spiridonov, die an einzelnen Geräten kaum eine Finalchance hatten, wuchsen im Team-Kampf über sich hinaus und wurden genauso gefeiert wie Super-Turner Hambüchen.

Akribischer Arbeiter

"Wir können froh sein, dass wir auf Andreas Hirsch gesetzt haben. Er ist ein akribischer Arbeiter, analysiert alles ganz genau. Und er drängt sich nie in den Vordergrund", schwärmte Verbands-Präsident Rainer Brechtken. Dass Hirsch zudem in manchen Situationen auch ein guter Pädagoge oder gar Psychologe sein muss, verschwieg der Präsident. "Er ist ein Profi, er lebt das Turnen", würdigte Sportdirektor Wolfgang Willam den Chefcoach Hirsch, der 1986 sein Trainer-Diplom in der DDR abgelegt hat.

Nach sechs Jahren als Nachwuchscoach übernahm Hirsch am 1. November 2002 das Amt des Cheftrainers und hangelte sich mit dem Team mühsam ein Jahr später über die Klippe Olympia-Qualifikation in Anaheim. Mit dem Einzug in das Team-Finale erntete Hirsch dann 2004 bei Olympia in Athen die ersten Früchte seiner Arbeit. "Die meisten Männer, die jetzt in der Riege turnen, habe ich selbst schon im Nachwuchs betreut. Ich kenne daher viele Macken und Marotten der Jungs", meint er.

Vom Nachwuchs- zum Chef-Trainer

Aber Hirsch kann auch knallhart sein. Im Fall Matthias Fahrig ließ er sich nach der dritten Undiszipliniertheit nicht länger auf der Nase rumtanzen und verbannte den talentierten Hallenser kurzerhand aus der WM-Riege. "Seine negative Ausstrahlung auf die anderen hat den Ausschlag gegeben", begründete er die Entscheidung, den 22-Jährigen nach nächtlichen Party-Ausflügen bei den deutschen Meisterschaften nicht für Stuttgart zu nominieren.

"Er hat alles goldrichtig gemacht mit der Zusammenstellung der Mannschaft", adelte ihn auch Wolfgang Hambüchen. Als Trainer seines Sohnes Fabian galt der Hesse stets als Verfechter des Individual-Modells und lieferte sich früher auch nicht wenige konzeptionelle Auseinandersetzungen mit dem "Chef". "Das Trainingslager in Kienbaum war teambildend auf allen Ebenen. Auch für die Trainer", sagte Hirsch.

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