Sport : Turnen: Der letzte Abgang

Jürgen Roos

Der Abgang ist der krönende Abschluss einer Turnübung. Kein Wackler, kein Standfehler. Eine punktgenaue Landung - und eine gute Wertung ist dem Turner sicher. Sergej Charkov, 30, aus Saarbrücken, Valeri Belenki, 32, aus Stuttgart und Marius Toba, 33, aus Hannover haben schon unzählige Abgänge hinter sich. Sie waren Olympiasieger, Welt- und Europameister und jetzt arbeiten die drei auf einen guten Abgang aus ihrer Karriere hin. Die Weltmeisterschaft Ende Oktober im belgischen Gent soll es sein, weshalb die drei älteren Herren noch einmal ihre letzten Kräfte mobilisieren. Bei den Deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende in Dessau soll der vorläufige WM-Kader nominiert werden. Charkov, Belenki und Toba haben Chancen, dabei zu sein. Rein sportlich gesehen. Für einen Neuaufbau im deutschen Turnen könnte der letzte Frühling der altgedienten Turner aber zum Problem werden.

Für den Bundestrainer Rainer Hanschke scheinen die Verhältnisse klar. "Ich habe nur einen Auftrag", sagt er, "und der lautet, eine deutsche Mannschaft zu den Olympischen Spielen nach Athen zu bringen." Charkov und Co. haben auf dieser Rechnung keinen Platz, denn es ist kaum davon auszugehen, dass sie noch drei weitere Jahre dranhängen.

Eduard Friedrich, als Vizepräsident des Deutschen Turnerbundes für den olympischen Spitzensport zuständig, findet deutlichere Worte - wie gewohnt. "Wenn ich sage, Gent ist der Startschuss für Athen und wir treten mit Charkov, Belenki und Toba an, dann lachen mich doch alle aus", sagt er. Das bedeutet, dass er lieber nur junge Leute bei den Titelkämpfen sähe, damit die internationale Erfahrung sammeln können. Mit einer winzigen Einschränkung. "Ich könnte mir einen der Älteren als Korsettstange vorstellen", sagt Friedrich.

Der Konflikt ist da, ehe die letzte Qualifikation geturnt ist. Und ausgerechnet die Tatsache, dass die Übergangs-Weltmeisterschaft in Gent noch nichts mit Olympia 2004 zu tun hat, dient beiden Seiten als wichtigstes Argument. Wo es doch noch nicht um alles ginge, könne man den Alten doch einen schönen Abschied von der internationalen Bühne verschaffen, sagen die einen. "Man kann es auch mit 32 Jahren noch packen", sagt Valeri Belenki trotzig. Der gebürtige Aserbaidschaner pocht darauf, dass allein die sportlichen Leistungen über die Nominierung bestimmen sollten. "Das Problem ist doch, dass es in Deutschland zu wenig Konkurrenz gibt und die Turner deshalb nicht genügend Wettkampfhärte mit zu den internationalen Meisterschaften bringen", sagt Belenki.

Freiticket für die Jungen?

Dass die Oldies sich jetzt noch einmal aufraffen und diese Konkurrenz schaffen, die Jungen aber eine Art Freiticket bekommen sollen, das will ihm partout nicht in den Kopf. Aus dem Umfeld von Sergej Charkov verlautete, dass sich der eingebürgerte Russe notfalls per Gerichtsbeschluss das Startrecht erkämpfen wolle. Wie die sechsköpfige WM-Riege nominiert wird, ist eigentlich klar: Der erste Qualifikationswettkampf (Charkov 4., Belenki 6., Toba 7.) zählt zu 40 Prozent, die beiden Mehrkämpfe von Dessau zu 60 Prozent. Dazu kommt eine Videoauswertung, die dem Lenkungsstab des DTB einen gewissen Handlungsspielraum lässt.

"Diesen Konflikt muss ich jetzt eben aushalten", sagt DTB-Vize Friedrich, der sich bereits auf ein turbulentes Wochenende gefasst macht. Dass in Gent noch keine Olympiatickets vergeben werden, wertet er als Chance für die jungen Turner. "Ich drehe das Argument um", sagt er, "sie können Erfahrung sammeln und sich international einen Namen machen."

Charkov, Belenki und Toba haben sich diesen Namen längst gemacht. Aber sind sie international auch noch konkurrenzfähig? Cheftrainer Hanschke und Friedrich bezweifeln das öffentlich. "Ich habe bei der ersten Qualifikation keine Leistung gesehen, die international wertvoll sein könnte", sagt Hanschke. Und Friedrich meint: "Wir können den Aufbau für Athen nicht verschieben, damit die Älteren einen guten Abgang bekommen." Diese Worte bringen Belenki auf die Palme. "Wenn ich die Sprüche von Friedrich höre, dass wir Alten raus müssen, dann reicht das als Motivation", sagt er, "schließlich habe ich ja auch einiges für das Turnen in Deutschland getan." Und aus diesen Worten spricht der unbedingte Wille, den letzten Abgang ohne Standfehler auf die Matte zu bringen.

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