Turnen : Der Star gehört zum Team

Fabian Hambüchen ist das Gesicht des deutschen Turnens – für den 19-Jährigen kein Grund abzuheben.

Frank Bachner

StuttgartFabian Hambüchen mag japanisches Magnesia, er rieb es an die Geräte, als er in Japan an einer Uni oder in einem Privatklub trainierte. Jetzt hat er auch in Deutschland japanisches Magnesia. „Nach jahrelanger Anstrengung haben wir geschafft, es zu bekommen“, sagt er ironisch. Der Tonfall war ein kleines Zeichen von Hambüchens Stellenwert. So eine Bemerkung hätte sich wohl keiner seiner Teamkollegen erlaubt, jedenfalls nicht hier, bei der Kunstturn-WM in Stuttgart. Denn neben Fabian Hambüchen saß Wolfgang Willam, der Sportdirektor des Deutschen Turner-Bundes (DTB). Es war ein normales Pressegespräch, Hambüchens Ton war keine besondere Demonstration.

Er ist einfach so. Flapsige Bemerkungen liefert der 19-Jährige so routiniert wie seine Flugteile am Reck. Eine ganz normale Entwicklung. Zwei EM-Titel am Reck (2004, 2007), WM-Bronze im Mehrkampf und Sprung (2006) und Platz sieben am Reck bei den Olympischen Spielen 2004 machten ihn zur sportlichen Größe, Funktionäre und Sponsoren verkaufen ihn als Gesicht des deutschen Turnens, da passt sich einer bloß seiner öffentlichen Rolle an. Nur zieht Hambüchen bis jetzt selber die Grenze dieser Rolle. Die Grenze ist die Schwelle zum affektierten Star. „Fabian ist authentisch, der hebt nie ab“, sagt DTB-Präsident Rainer Brechtken. „Der fügt sich problemlos ins Team ein.“ Gestern spielte Hambüchen innerhalb des Teams wieder den herausragenden Part. Die Deutschen belegten beim Team-Finale den fünften Platz, der Europameister glänzte wieder am Reck und beim Sprung.

Redet Fabian Hambüchen über seinen Teamkollegen Thomas Andergassen, dannn lobt er dessen „Supercharakter“. Redet er über Philipp Boy, mit dem er im Mehrkampf-Einzelfinale steht, sagt er: „Ich freue mich, dass wir zu zweit sind. Dann ist nicht so viel Rummel um mich.“ Im Trainingslager las Hambüchen die Biographie von Muhammad Ali. Der 19-Jährige war von dem Wirken des legendären Box-Weltmeisters, der gegen Autoritäten auftrat und Schwache unterstützte, schwer beeindruckt. Ein Mensch habe wahre Größe, wenn er auch an Hilfsbedürftige denke, sagt Fabian Hambüchen.

Abgehoben ist er nur einmal, nach den Olympischen Spielen 2004, nach Platz sieben am Reck, als er 16 war, als alles auf in einstürzte. Jedenfalls gibt er dieses eine Mal zu. „Da darf man schon mal ein bisschen abdrehen“, sagt er. Mehr schräge Phasen sind aber nicht bekannt.

Dass er nicht abdreht, dafür sorgen Vater Wolfgang und Onkel Bruno Hambüchen, der eine Trainer, der andere Diplom-Psychologe und fürs Mentale zuständig. Wolfgang Hambüchen läuft mit Rolling-Stones-T-Shirt herum, ein bodenständiger Typ, der in Japan studierte und alles und jeden in Frage stellt. So einer hält den eigenen Sohn auf dem Boden. Aber Hambüchen lässt sich sowieso nicht vom Turnen vereinnahmen. Er will bald Ökonomie studieren und rasch japanisch lernen. Ihn nervt nach drei Japan-Aufenthalten, dass er dort mit Händen und Füßen reden muss. Und er kann sich immer wieder das Video anschauen von der Frau in den Schuhen mit hohen Absätzen und dem ärmellosen Kleid, die schmachtend auf einer Schulbank steht – es ist Hambüchen selbst als Romeos Angebetete Julia, Englischunterricht am Goethe-Gymnasium in Wetzlar.

In Japan dürfen die Turner morgens ausschlafen. Das hat ihm gefallen. Und er testete dann in Deutschland seinen teaminternen Stellenwert. Vor dem WM-Trainingslager hat er „mal ein Thema angesprochen“, das ihm wichtig war. Danach wurde der Frühsport erlassen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben