Sport : Turnen: Erst Vizemeister, dann Ruheständler

Jürgen Roos

Nach dem Schock setzte sich Sergej Charkov im Hotel erstmal in die Badewanne. Steckte den Kopf unter Wasser und versuchte sich zu beruhigen. Vielleicht benötigte er die Entspannung im Nassen, nach diesem Wochenende, an dem der Turner aus Dillingen dermaßen auf dem Trockenen saß.

Und das war so gekommen: Am Samstag noch deutscher Vizemeister im Sechskampf geworden, erfuhr er am Sonntag, dass ihn der Deutsche Turnerbund (DTB) nicht zu den Weltmeisterschaften Ende Oktober in Gent mitnehmen wird. Es ist, als hätten ihn die Funktionäre in den turnerischen Vorruhestand versetzt. Abserviert. Aufs Altenteil befördert. Und das mit genau 30 Jahren. "Das kann nur in Deutschland passieren", stöhnte der gebürtige Russe, "dass man Leute absägt, die noch Leistung zeigen." Marius Toba, 33, ebenfalls ausrangiert, hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. "Das ist wie im Kindergarten", schimpfte Marius Toba, "wenn die Funktionäre sowieso machen, was sie wollen, braucht man auch keine Qualifikationswettkämpfe."

Die Rentendiskussion im Turnerbund hatte damit am Rande der deutschen Meisterschaften in Dessau reichlich unappetitliche Züge angenommen. Am Anfang stand die Forderung von DTB-Vizepräsident Eduard Friedrich, keinen oder höchstens einen der älteren Turner zu den Weltmeisterschaften mitzunehmen. Am Ende blieb ein Haufen zerschlagenes Porzellan übrig. Weil die Funktionäre nicht über ihren Schatten springen konnten? "Das musste so durchgezogen werden, sonst hätten sie sich lächerlich gemacht", sagte Toba angriffslustig, "aber eigentlich ist es zum Heulen." Für Valeri Belenki, Tobas Freund aus Stuttgart, gab es in dem ganzen Theater um die WM-Qualifikation immerhin noch ein Happyend: Der 32-Jährige wurde von Bundestrainer Rainer Hanschke zusammen mit Sven Kwiatkowski (Chemnitz), Mehrkampfmeister Thomas Andergassen (Stuttgart) und Stephan Zapf (Haslach) für die Weltmeisterschaft nominiert. Um die übrigen zwei Plätze sollen sich in den nächsten Wochen die jungen Robert Juckel (Cottbus), René Tschernitschek, Christian Berczes (beide Halle), Jens Uebel (Chemnitz) und der verletzte Sergej Pfeifer (Hannover) streiten. Beim Deutschen Turnerbund spürte man durchaus das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. "Wir mussten so entscheiden, um die Umsetzung der Athen-Konzeption nicht noch mal zu verschieben", erklärte der DTB-Sportdirektor Wolfgang Willa.

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