Turnen : Flucht nach nebenan

Turn-Weltmeister Fabian Hambüchen griff in Cottbus daneben – doch viel größere Probleme vor Olympia drohten ihm zu Hause.

Friedhard Teuffel
Hambüchen
Fabian Hambüchen beim Bodenturnen. -Foto: dpa

CottbusTurnen am Reck funktioniert nach einem schönen Rhythmus: loslassen, fliegen und dann wieder zupacken. Kaum einer kann das so gut wie Fabian Hambüchen, er schraubt sich und dreht sich hoch in die Luft, um dann wieder kraftvoll nach der Reckstange zu greifen. Seine Weltmeisterübung hat der 20-Jährige für die Olympischen Spiele im August in Peking noch einmal umgestellt, da muss er auch den Rhythmus erst wieder neu finden. Beim Turnier der Meister am Sonntag in Cottbus landete Hambüchen vorzeitig auf der Matte. Der Tkatschew-Salto hatte ihn etwas durcheinandergebracht. So fing die internationale Saison für Hambüchen mit einer ungewohnten Situation an: Drei Kollegen schlenderten zur Siegerehrung – und er schaute zu.

Platz vier also am Reck. „Beim Flugteil habe ich mich leicht vergriffen, ein kleiner Rucker, dann ist es schwer, sich zu halten“, sagte Hambüchen. Er müsse seine Übung noch stabilisieren. Hambüchen hatte sich auch einiges getraut. 7,3 war sein Ausgangswert, der höchste in diesem Reckfinale. Nach seinem Abgang und dem dadurch veränderten Programm blieb immer noch ein Wert von 7,1 übrig.

Hambüchens Auftritt in Cottbus war daher nicht der des Reckkönigs, sondern des gereiften Mehrkämpfers. Den Wettbewerb am Boden gewann er, beim Sprung und am Barren wurde er Zweiter. Sein hoher Ausgangswert am Reck hätte ihn in einem Mehrkampffinale trotz des Abgangs unter den besten gehalten.

Das Wochenende in Cottbus wäre Hambüchen jedoch fast in schlechter Erinnerung geblieben. Aus seiner Heimat erhielt er eine beunruhigende Nachricht. Die Zwischendecke in seiner Trainingshalle in Niedergirmes bei Wetzlar ist marode. Was zunächst einmal nur nach einem handwerklichen Problem klingt, hätte beinahe auch Hambüchens Olympiavorbereitung gefährdet. Denn der nächste Ort zum Ausweichen wäre Frankfurt. „Das wären jeden Tag 170 Kilometer Fahrerei“, sagte sein Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen. Damit nicht genug: Mit den Geräten in Frankfurt hätte er ernsthafte Probleme bekommen. „Die sind so alt, da hat glaube ich schon Eberhard Gienger dran geturnt“, sagte Wolfgang Hambüchen. Mit den Turngeräten ist es ohnehin so eine Sache. Bundestrainer Andreas Hirsch erklärte: „Genauo wie mir Schwimmer sagen, dass es hartes und weiches, schnelles und langsames Wasser gibt, ist es auch bei Fabian. Harter Boden, weicher Boden, festes Reck, weiches Reck – davon hängen seine Flugparameter ab.“

Doch am Montag wendete die Stadtverwaltung Wetzlar Hambüchens Zwangsumzug noch einmal ab: Er kann in eine nahe gelegene Halle ausweichen – samt seiner Geräte. Der Weg zu den Olympischen Spielen nach Peking kann also wie geplant weitergehen.

Hambüchen denkt jedoch schon weiter. Vor allem daran, was er mit seiner Zeit nach den Olympischen Spielen anstellen kann – und mit seinem Kopf. Seit seinem Abitur im vergangenen Jahr konzentriert er sich fast ausschließlich auf seinen Sport und seine Familie. „Das gönne ich mir noch ein bisschen, aber nach Peking will ich versuchen, mit einem Studium anzufangen“, sagte er und meint damit einen Fernstudiengang in Ansbach bei Nürnberg in Betriebswirtschaftslehre und internationalem Management. Nur Körperarbeit, das kann er sich jedenfalls nicht mehr lange vorstellen. „Da werde ich ja bekloppt.“

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