Sport : Turnen für einen Traum

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Von Anke Schönfelder

Berlin. Wenn über Kunstturnen gesprochen wird, fallen in der Regel nur n wie Andreas Wecker oder Eberhard Gienger. Dabei liegen deren größte Erfolge nun schon sechs beziehungsweise sogar 25 Jahre zurück. Nun hat René Piephardt bei den Europameisterschaften überraschend eine Bronzemedaille gewonnen. Das ist gerade einmal drei Wochen her, und in der Öffentlichkeit hat kaum jemand diesen Erfolg zur Kenntnis genommen.

Jens Milbradt, der Trainer des 18-jährigen Nachwuchstalentes Piephardt, weiß, dass „das Turnen neue Typen braucht, um wieder populärer zu werden; eben solche wie Wecker und Gienger“. In diese Kategorie möchte Milbradt seinen Schützling bringen. „Er ist kein zweiter Wecker, und sowieso sind solche Vergleiche nie gut. Aber neben Topleistungen zählt vor allem der Charakter.“ Selbstbewusster sei er nach seinem EM-Erfolg in Patras geworden, sagt Piephardt. Und der Trainer bestätigt: „René ist persönlich gereift, ohne dabei abzuheben.“

René Piephardt war sieben Jahre alt, als in der Schule sein Talent für das Turnen entdeckt wurde. Mit neun kam er zur Sportschule des SC Berlin in Hohenschönhausen. Bis zur zehnten Klasse bewältigte er die Schule, neben dem täglichen Training von bis zu fünf Stunden, scheinbar mühelos. Als die Trainingseinheiten dann jedoch noch länger wurden, zeigten sich die ersten schulischen Probleme.

René Piephardt erinnert sich an die damalige Zeit und erzählt: „Ich kam immer sehr spät nach Hause und hatte dann null Bock, mich hinzusetzen und zu lernen.“ Während der 18-Jährige das sagt, sieht er nicht so aus, als hätte er seinen Schritt bereut, auf das Abitur zu verzichten. „Ich wollte sowieso nie studieren, da sind doch die drei Jahre verschenkte Zeit“, meint René Piephardt. Seit September letzten Jahres arbeitet er in seinem Verein SC Berlin in der Abteilung Sportmarketing. Drei Stunden täglich ist er beschäftigt, so dass ihm genügend Zeit für das Training bleibt.

Das tägliche Training ist für Piephardt wie eine Sucht. „Andere rauchen, ich turne!“ Wenn er für längere Zeit nicht an die Geräte darf, wird er hibbelig. Seine Abhängigkeit wurde ihm bewusst, als er wegen einer Rückenverletzung für ein Jahr pausieren musste: „Manch einer hätte vielleicht in meiner Situation ans Aufhören gedacht, doch mir wurde klar, dass das Turnen für mich mehr als nur ein Hobby ist.“ Was sich der Berliner in den Kopf setzt, das macht er auch so. Ehrgeizig und zielstrebig arbeitete er mit Trainer Milbradt an seinem Comeback.

Bei den deutschen Jugend-Meisterschaften im vergangenen Jahr wurde er auf Anhieb Erster im Mehrkampf und am Pauschenpferd. Das Pferd ist auch sein Lieblingsgerät; die Ringe und das Bodenturnen mag er dagegen nicht sehr. „Diese Geräte liegen mir eben nicht so, da fällt mir auch das Training schwerer.“ Milbradt weiß, dass er Piephardt immer wieder überzeugen muss, auch Unliebsames zu trainieren, findet es aber gut, „wenn der Aktive seine eigene, auch vom Trainer abweichende Meinung hat“. Bei den Zielen für die nationalen Titelkämpfe, die heute beim Deutschen Turnfest in Leipzig beginnen, sind sich jedoch beide einig: Sieg im Mehrkampf und drei oder vier weitere Medaillen.

Piephardts größter Traum ist es, einmal mit dem amtierenden Olympiasieger Marius Urzica im Pferd-Finale zu stehen. „Am liebsten natürlich bei Olympia 2004 in Athen.“ Vor großen Wettkämpfen hat Piephardt keine Angst. Er steht gerne im Mittelpunkt und ist im richtigen Moment steigerungsfähig. „In Patras hat er den Sechskampf seines Lebens geturnt“, sagt Milbradt. „Der dritte Platz im Mehrkampf bei einer Europameisterschaft war sensationell.“ So überraschend der Erfolg für Piephardt war, so ernüchternd die Erkenntnis, dass die Medien darüber kaum berichteten. „Die interessiert doch nur das Geld, und an erster Stelle steht der Fußball.“ Er weiß, dass er „bei den richtigen Wettkämpfen abräumen muss“, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Und so arbeitet er an der Erfüllung seines Traumes: dem Finale mit Urzica.

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