Sport : Turnen ist weiblich

Warum Männer nicht in die Turnvereine gehen

Friedhard Teuffel

Berlin - Der Frauen-Info-Point ist am letzten Tag des Internationalen Deutschen Turnfests nicht mehr besetzt, es steht keine Ansprechpartnerin mehr am Stand, und es hängt auch kein Plakat mehr in der Messehalle 2.2. Ein schlechtes Zeichen muss das nicht sein. Es könnte auch bedeuten, dass die Frauen schon mit Informationen versorgt sind. Beim Turnfest hat sich der Deutsche Turner-Bund (DTB) schließlich wieder intensiv um seine Zielgruppen gekümmert, um Kinder, Frauen und die Generation 50 plus. Aber hat er auch neue Gruppen gewinnen können?

Mitten in der Turnbewegung liegt ein Generationenloch. Es sind vor allem die zwanzig- bis fünfzigjährigen Männer, die nicht zur Turnbewegung gehören. Zum Kinderturnen sind noch viele Jungs gegangen, und anschließend haben sie vielleicht noch eine klassische Disziplin innerhalb des DTB betrieben, also Geräteturnen oder Trampolinspringen. Doch dann wechseln die meisten von ihnen in eine Spielsportart, zum Fußball oder Handball etwa. Wenn sie dort aussteigen, bevorzugen sie individuelles Sporttreiben wie Walken oder Joggen, oder sie gehen ins Fitnessstudio. In der Sportbiografie der Männer kommen Turnvereine jedenfalls selten vor.

Turnen ist Frauensache, siebzig Prozent der 5,1 Millionen Mitglieder im DTB sind weiblich. Das Turnfest hat das gleiche Bild wiedergegeben. Das liegt auch daran, dass es einige rein weibliche Sportarten gibt wie die Rhythmische Sportgymnastik und wohl auch daran, dass Männer mit choreografischen Bewegungsformen wohl weniger anfangen können als mit Mannschaftssportarten, die auf den direkten Vergleich setzen.

Es ist nicht so, dass sich der DTB bisher nicht um Männer bemüht hätte. „Aber das war alles nicht das Richtige“, sagt Pia Pauly, Abteilungsleiterin für Sport und allgemeines Turnen im DTB. „Die Männer kommen erst dann wieder zu Gesundheitsangeboten in die Vereine, wenn sie ein Problem haben“, sagt Pauly. Das Gesundheitsbewusstsein sei einfach nicht so ausgeprägt wie bei den Frauen.

DTB-Generalsekretär Hans-Peter Wullenweber macht sich keine großen Hoffnungen mehr auf ein Gleichgewicht der Geschlechter in seinem Verband: „Der Aufwand ist zu hoch, um Männer zu gewinnen. Wir können da im Konkurrenzkampf mit anderen nicht bestehen.“ Pia Pauly hat nur die Hoffnung, dass die Männer über Vereinsfitnessstudios zurück in den organisierten Sport kommen.

Anstatt jedoch die ungleiche Verteilung zu beklagen, formuliert der Verband seinen Anspruch lieber offensiv: „Die Zukunft ist weiblich“, sagt Pia Pauly, und deshalb konzentriert sich der DTB auf seine Zielgruppen. „Die Frauen ab 30 haben wir mit Angeboten zu Fitness und Wellness wieder in die Vereine gebracht“, sagt Pauly. Zurzeit arbeite der DTB an einer „Strategie zum Wohlfühlgewicht“. „Durch Bewegung wollen wir Frauen ein neues Körpergefühl geben. Es muss nicht jeder total schlank sein“, sagt Pauly. Bei diesem Programm arbeite der Verband mit der Wissenschaft zusammen und lasse es von der Universität Karlsruhe auswerten.

Das Turnfest hat nicht nur den Frauen viel Raum gegeben, sondern auch den Kindern, Jugendlichen und Senioren. Das Kinderturnen will der Verband in Zukunft noch stärker als „Kinderstube des Sports“ anpreisen, wie Verbandspräsident Rainer Brechtken sagt. „Kinderturnen ist eine gute Grundlage für alle Sportarten.“

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