Turnen : Marcel Nguyen: Das Risiko schwingt mit

Marcel Nguyen hat sich im September das Wadenbein gebrochen. Wird er rechtzeitig fit, um bei der EM in Berlin aussichtsreich um eine Medaille zu turnen?

von
Legere Kleiderordnung. Marcel Nguyen zeigt sich beim Training am Pauschenpferd freizügig.
Legere Kleiderordnung. Marcel Nguyen zeigt sich beim Training am Pauschenpferd freizügig.Foto: dpa

Marcel Nguyen versuchte noch sich zu halten. Vergeblich. Er hatte sich mit einem doppelten Tsukahara durch die Luft gewirbelt, aber nach der Landung übertrat er mit einem Bein die weiße Begrenzungslinie der Bodenmatte, das gab Punktabzug. Am Ende erhielt der Kunstturner vom TSV Unterhaching 14,550 Punkte für seine Bodenübung. Weniger, als er sich gewünscht hätte. Der erste Auftritt des 23-Jährigen bei der Generalprobe der deutschen Riege vor den Europameisterschaften in Berlin war nicht optimal verlaufen.

In der Anhalt-Arena in Dessau trafen die deutschen Stars auf eine Auswahl internationaler Topathleten, er war der letzte Stresstest vor der EM (der Wettkampf war bei Redaktionsschluss noch nicht beendet). Und für Marcel Nguyen war es ein ganz besonderer Stresstest.

Der 23-Jährige wird bei der Europameisterschaft in Berlin im Mehrkampf turnen. Das klingt erst einmal nicht aufregend für einen, der 2010 Deutscher Mehrkampfmeister geworden ist, der seine Stärken an Boden, Reck, Barren und Sprung hat. Das ist aber kein Routineeinsatz, wenn man noch im Ohr hat, was der deutsche Chef-Bundestrainer Andreas Hirsch vor wenigen Wochen gesagt hatte: „Der Marcel wird bei der EM keinen Mehrkampf turnen.“ Und in Dessau steht Nguyens Trainer Valeri Belenki, zieht leicht die Brauen zusammen und sagt: „Wir haben uns lange überlegt, ob er im Mehrkampf starten soll.“

Aber Marcel Nguyen hat sich bemerkenswert zurückgekämpft. Im September 2010 hatte er bei einem Länderkampf einen Wadenbeinbruch erlitten, bei dem sehr schwierigen dreifachen Tsukahara hatte er sich verletzt. Und dann fiel er bis Jahresende aus.

Wie schnell würde er zurückkehren, wie schnell würde er das Bein wieder belasten können? Das waren die entscheidenden Fragen. Nguyen ist ein bedeutsamer Faktor in den Planungen von Hirsch. Der Sportsoldat stand in der Riege, die im vergangenen Jahr Mannschafts-Europameister wurde, Hirsch hatte ihn nicht ohne Grund Ende 2010 mal als „den talentiertesten deutschen Turner bezeichnet, den wir haben“. Fabian Hambüchen ist bestimmt erfolgreicher, aber was das Potenzial angeht, da übertrifft keiner Nguyen. Der wurde 2010 auch noch Deutscher Meister am Barren und Vizemeister am Sprung. Und nachdem sowohl Hambüchen als auch Matthias Fahrig wegen Verletzung für die Europameisterschaft ausfallen, stieg Nguyens Stellenwert natürlich.

Und deshalb begann das große Zittern: Was wird mit dem Deutschen Mehrkampfmeister? Beim Challenge Cup in Cottbus im März wackelte der 23-Jährige am Barren-Finale, danach winkte Hirsch ab. Kein Mehrkampf. Aber gut zehn Tage später turnte Nguyen im Leistungszentrum Kienbaum an allen Geräten, unter erleichterten Bedingungen allerdings. Beim Sprung legten sie eine dicke Matte in die Grube, damit Nguyen bei der Landung besser abfedern konnte. Und der Team-Europameister erzielte eine sehr gute Punktzahl, danach schwenkte Hirsch um: Nguyen darf doch im Mehrkampf ran. „Er hat die Chance ins Mehrkampf-Finale zu kommen“, sagt Belenki. Und Philipp Boy, der ebenfalls den Mehrkampf turnt, sagt schon: „Auf den Marcel muss man aufpassen.“

Der musste allerdings auch lernen, auf sich selbst aufzupassen. Irgendwann einmal hatte er optimistisch angekündigt, er werde in Berlin bei der EM den dreifachen Tsukahara wieder turnen. Eine Illusion, das würde das Bein nicht mitmachen. „Wir haben den Ausgangswert am Boden deshalb reduziert“, sagt Belenki. „Er war mal 6,5.“ In Dessau war er 6,0.

Wenn Nguyen schon wieder alles abrufen könnte, wenn er den dreifachen Tsukahara am Boden zeigen könnte, wenn er den Tsukahara-Abgang am Barren stehen würde, dann würde er zu den Medaillenkandidaten an diesen Geräten gehören. Seinen legendären Tsukahara-Abgang hat er exklusiv auf der Welt.

Aber das Risiko schwingt halt immer mit. Belenki sagt: „Die Frage ist stets: Hält der Fuß die Belastung aus?“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben