Sport : Turnen nach dem Unglück

Fabian Hambüchen versucht, für Athen zu trainieren

Benedikt Voigt

Am 13. August beginnen die Olympischen Spiele in Athen. Bis dahin stellt der Tagesspiegel deutsche Sportler vor, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Heute: Fabian Hambüchen.

Vor etwas mehr als zwei Wochen hätte eine Geschichte über Fabian Hambüchen folgende Fragen beantwortet: Warum wählt ein Junge im Zeitalter der Funsportarten wie Inline-Skating, Snowboarden oder Surfen das altbackene Turnen? Wie behauptet sich ein 16-Jähriger unter durchweg älteren Teamkollegen? Welche Rolle spielt der ehrgeizige Vater Wolfgang Hambüchen? Nun aber sind diese Fragen nicht mehr wichtig.

Am Montagnachmittag vor zwei Wochen verunglückte Fabian Hambüchens Teamkamerad Ronny Ziesmer im Training so schwer, dass er vom Hals abwärts für immer gelähmt bleiben wird. Die Tragödie geschah im Training des deutschen Olympiateams im Sportleistungszentrum Kienbaum. Beim Sprung knallte Ziesmer nach einem Tsukahara unglücklich mit dem Nacken auf die Matte. Nach diesem Unglück stellt sich nur noch eine Frage: Wie verkraftet Fabian Hambüchen diesen schrecklichen Unfall?

„Es war nicht leicht, das aus dem Kopf zu kriegen, aber jetzt geht es wieder“, sagt Fabian Hambüchen. „Wir müssen jetzt in Ruhe weiter trainieren.“ Das aber ist schwierig, wenn ein Teamkamerad sich von einem Tag auf den anderen nur noch im Rollstuhl fortbewegen kann. Am Wochenende wurde Ziesmer im Unfallkrankenhaus Berlin aus der Intensivstation in die Unfall-Chirugie verlegt. Am wenigsten hatte Bundestrainer Andreas Hirsch den Unfall verkraftet. „Ich habe vor meiner Mannschaft die Hosen runter gelassen und gesagt: Ich kann es nicht, ich kann nicht mehr trainieren“, erzählte Hirsch beim Länderkampf in Schwäbisch Gmünd. Die Mannschaft habe ihm geholfen, indem sie trotzdem weiter trainiert hat. „Meine Turner haben mir ein Stück Motivation wiedergegeben.“ Beim Länderkampf zeigte das Team eine seiner besten Leistungen. „Die Mannschaft ist zusammengerückt“, hat Wolfgang Hambüchen beobachtet.

Dabei hat auch die Athleten der Unfall schwer getroffen. Thomas Andergassen verzichtete im Länderkampf auf jene Übung, bei der Ziesmer verunglückte. „Thomas war sich bei dem Sprung nicht so sicher“, sagt Fabian Hambüchen. Bei ihm steht der Tsukahara nicht auf dem Programm. Und der 22-jährige Robert Juckel, der wie Ziesmer aus Cottbus stammt, überlegt bereits, nach den Olympischen Spielen aufzuhören. „Ich weiß nicht, ob es das alles noch wert ist.“

Fabian Hambüchen aber möchte weitermachen, auch nach den Olympischen Spielen. „Ich fange ja gerade erst an.“ Wahrscheinlich ist Fabian Hambüchen noch zu jung, um sich die Frage, nach dem Sinn des Ganzen zu stellen. Sein Leben ist bislang allein auf Turnen ausgerichtet, er ist das größte Talent in Deutschland. Bei den Olympischen Spielen wird er vier Übungen absolvieren, nur die Ringe und das Seitpferd wird er auslassen. Das Talent hat er vom Vater, der es als Turner bis in den B-Kader brachte und nun hessischer Landestrainer ist. Bereits als Kleinkind nahm Wolfgang Hambüchen seine Söhne in die Turnhalle mit. Der ältere Bruder Christian war ebenfalls ein hervorragender Turner. „Doch er ist zu schnell gewachsen“, sagt Wolfgang Hambüchen. Bei seinem jüngeren Sohn scheint diese Gefahr nicht zu bestehen. Fabian Hambüchen misst gegenwärtig 1,58 Meter und wird voraussichtlich nur noch um zehn Zentimeter wachsen. Alles unter 1,70 Meter ist für Turner aufgrund der günstigen Hebelverhältnisse ein gutes Maß. Noch etwas unterscheidet Fabian von seinem älteren Bruder. „Er ist risikofreudiger“, sagt sein Vater. Ein Satz, der nach dem Unfall von Ronny Ziesmer einen anderen Klang hat.

Trotzdem macht sich Wolfgang Hambüchen um seinen Sohn keine Sorgen. „Er beherrscht seine Übungen.“ Deswegen habe sich nichts an der sportlichen Situation verändert. „Fabian soll in Athen einfach das Beste geben.“ Für Ziesmer wird nun Matthias Fahrig nach Athen mitfahren. Der 18-Jährige ist Fabian Hambüchens bester Freund im Olympiakader. Abends duellieren sie sich an der Play-Station.

Beide haben Ziesmer noch nicht im Krankenhaus besucht. „Das ist verboten“, sagt Fabian Hambüchen. Er soll Olympia in den Kopf bekommen. Das ist schwer genug.

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