Sport : Turnerbund: Schleifer und Wadenbeißer

Jürgen Roos

Der Spagat ist eine turnerische Übung. Eine der leichteren dazu, wie Lehrbücher weismachen wollen. Die Beine sind dabei so weit zu spreizen, nach vorne, nach hinten oder zur Seite, dass sie eine vollendete Gerade bilden. Eine leichte Übung? Nicht immer. Der Spagat ist auch eine der abgegriffensten Metaphern der Sportsprache. Wie der Turntag, die Vollversammlung des Deutschen Turnerbundes (DTB), wieder einmal lehrte. "Wir müssen den Spagat zwischen Spitzensport und Breitensport weiterhin aushalten", sagte Rainer Brechtken, der in Leipzig zum neuen Präsidenten des 4,7 Mitglieder starken DTB gewählt wurde. Für Funktionäre scheint der Spagat eine ungleich schwerere Übung zu sein.

Beispiel Brechtken. Der 55-Jährige aus Schorndorf, Präsident des Schwäbischen Turnerbundes (STB) und bis zum kommenden Frühjahr noch parlamentarischer Geschäftsführer der SPD im baden-württembergischen Landtag, trat an, um neuen Schwung in die Turnerschaft zu bringen. Zu frisch waren die Bilder vom miserablen Abschneiden der deutschen Turner bei den Olympischen Spielen in Sydney. Den jungen Athleten, so Brechtkens Botschaft, müssten wieder Perspektiven für ihren harten Trainingsalltag geboten werden. Bildungs- und Berufsperspektiven. "Die jungen Sportler müssen das Gefühl bekommen, dass sich ihr Tun wieder lohnt", sagte Brechtken, forderte gleichzeitig "Eliteschulen des Sports an jedem Olympiastützpunkt" - und wurde mit großer Mehrheit zum Nachfolger des seit zehn Jahren amtierenden Oldenburger Sportprofessors Jürgen Dieckert bestimmt. Eine machtvolle Position, immerhin ist der Turnerbund der zweitgrößte Sportverband Deutschlands. Der Spagat des politischen Seiteneinsteigers war allerdings auch mit Schmerzen verbunden: Am Tag vor seiner Wahl hatte sich Brechtken noch laut für Stuttgart als Austragungsort des Deutschen Turnfestes 2005 stark gemacht - und die Delegierten vergaben das größte Breitensportfestival der Welt nach Berlin. "Brechtken ist mit einer Niederlage in seine Amtszeit gestartet", urteilten Kritiker.

Es war abzusehen, dass der Niedergang des Kunstturnens bei diesem Turntag ein wichtiges Thema sein würde. Und es tauchte der Mann aus der Versenkung auf, der 1974 als Chef-Bundestrainer den späteren Weltmeister Eberhard Gienger ans Reck gehoben hatte. Kritische Worte von Eduard Friedrich, dem Olympiastützpunktleiter in Rostock. "Wir dürfen unsere Sportler nicht weiter verhätscheln", sagte der 63-Jährige, "sie hatten vor Sydney alle Möglichkeiten, Tag und Nacht zu trainieren - sie haben es nicht getan." Dass die Delegierten Friedrich ("Mit mir bekommt ihr einen Profi zum Nulltarif") als neuen Vizepräsidenten für den olympischen Spitzensport wählten, war ein deutliches Zeichen für eine härtere Linie. In ihm stellte der Turntag Rainer Brechtken einen Wadenbeißer zur Seite. Und Friedrich - früher als Schleifer-Ede bekannt - genoss die wieder gewonnene Wichtigkeit in vollen Zügen. "Um international konkurrenzfähig zu werden, müssen wir die Trainingsumfänge drastisch erhöhen", sagte er. Die Köpfe müssten nicht rollen, sondern wieder rauchen. Friedrich: "Mit mir wird es den Spagat zwischen ein bisschen Spitzensport und richtigem Spitzensport nicht geben." Da war er wieder, der Spagat.

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