Sport : Tutti dilettanti

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Von Martin Hägele

Ibaraki. Nun haben auch die Italiener erstmals richtig Ärger im Land der höflichen Menschen, aber Graham Poll und Jens Larsen sind ja auch keine Japaner. Wenn es nach Christian Vieri, Italiens Torjäger, ginge, gehörten der englische Unparteiische und sein dänischer Assistent mit dem nächsten Flieger heimgeschickt. „Das sind weder erstklassige noch zweitklassige Schiedsrichter, die sollen besser auf den Dörfern pfeifen“, schimpfte Italiens gefährlichster Angreifer. Zwei Tore gestohlen, so heißt die Anklage, die der Delegationschef des dreimaligen Weltmeisters, Raffaele Ranucci, nach dem 1:2 gegen Kroatien bei der Fifa im ersten Zorn einreichen wollte. Davon haben die Italiener später dann doch Abstand genommen. Der Verband „denkt nicht daran, irgendwelche formellen Schritte zu gehen“, sagte Ranucci: „Wir steigern uns nicht in die Opferrolle oder verstricken uns in irgendwelchen Verschwörungstheorien. Wir haben für Fehler des Schiedsrichters bezahlen müssen, aber das kann passieren.“

Man hätte so etwas ja ahnen können. Schließlich hatte der vierte Mann in diesem Schiedsrichter-Quartett, William Mattus aus Costa Rica, ein paar Tage zuvor schon den Japanern das Siegtor gegen Belgien aberkannt – ein eindeutiger Fehler. Wie die Fernsehaufzeichnung ebenso deutlich bewies, dass es bei Vieris Flugkopfball-Tor in der 50. Minuten absolut regelkonform zugegangen war. Dagegen sah Larsen von der Seitenlinie aus ein Abseits. Das Tor zählte nicht.

Ein gewisses Verständnis für die Annullierung des 2:2 in der Nachspielzeit ist dagegen angebracht. Auch nach eingehendem Fernseh-Studium war nicht klar, ob Inzaghi nach der Flanke von hinten, bei der alle den schließlich ins Tor kullernden Ball verpassten, einen kroatischen Abwehrspieler am Trikot gezogen oder sich freigestoßen hat von seinem Bewacher. In dubio pro reo heißt das juristische Prinzip, das bei strittigen Szenen im Strafraum im Sinne des Abwehrspielers angewandt wird – erst recht, wenn es sich beim Angreifer um Filippo Inzaghi handelt, den größten Schlawiner der Serie A.

Allerdings: Wer so pomadig und lässig sein Pensum abspult wie die Mannschaft von Trainer Giovanni Trapattoni, und nach dem 1:0 durch Vieris Kopfball glaubt, nun sei das Tagwerk verbracht, der gehört für seine Borniertheit bestraft. So schrieb selbst die „Gazzetta dello Sport“: „Dieser Schiedsrichter war ein absoluter Skandal, aber lieber Trap: Deine Mannschaft hat auch zu viele Fehler gemacht. Christian Vieri war sich selbst überlassen und Filippo Inzaghi wurde zu spät eingewechselt, das war Selbstmord. Da waren Dilettanten am Werk, ganz Italien ist enttäuscht und entsetzt.“ Franco Sensi, der Präsident vom AS Rom, hingegen vermutet eine Verschwörung: „ Italien wird boykottiert, wir zählen in Europa nichts mehr.“

Dabei hatten 35 000 Japaner die Partie zum Heimspiel für Italien gemacht. Die Japaner verehren die italienischen Kicker wie Götter; nicht ausgeschlossen, dass eines der italo-fixierten Fußballmagazine von Tokio ein achtseitiges Interview mit dem Platzwart des Meazza-Stadions veröffentlicht. Angesichts solchen Heldenkults sowie des spielerischen Potenzials auf der Reservebank besteht auch eine gewisse Verpflichtung. Oder ist es den Stars einfach verboten, offensiv und fürs Publikum zu spielen, weil so etwas gegen das Credo ihres Trainers verstößt: einen Vorsprung über die Zeit zu mauern; mit diesem hässlichen Catenaccio-System der Sechzigerjahre, das der freundliche Signor Trapattoni nur in Nuancen verfeinert hat.

Oder verbarg sich hinter der Fassade aus Arroganz und Vorsicht sogar die Angst des Großen vor dem Kleinen? Man kennt sich ja allmählich besser. Von den drei letzten Länderspielen Italiens mit dem jungen Staat gingen zwei Unentschieden aus, das erste in Palermo hatte Kroatien sogar gewonnen.

Als sich der ehemalige Bayern-Trainer am Tag vor dem Spiel mit dem jetzt für die Münchner spielenden Kroaten Nico Kovac traf, endete das Gespräch von Trapattonis Seite aus mit den Worten: „Heute geht es mir noch ganz gut.“ Kovac wertete dies als Zeichen, dass die Italiener unsicher waren. Auch seine Landsleute fühlten sich schon vorm Anpfiff bestätigt, nachdem statt des stolz angekündigten Drei-Mann-Sturms mit Inzaghi wie gewohnt nur Vieri und Totti in der ersten Elf standen .

Aber dass diese solide Abwehrkette nach dem Ausfall ihres Liberos Nesta viele Bruchstellen aufweisen würde, hätte wohl keiner geglaubt. Zwei Tore in drei Minuten gegen Defensivexperten von der Klasse Cannavaros und Panuccis – wahr wurde, was eigentlich nicht wahr sein konnte.

Nun bangt Italien nicht nur um den Einsatz der Verletzten Nesta und Zanetti , sondern sogar um den Einzug ins Achtelfinale. Nur ein Sieg gegen Mexiko im letzten Vorrundenspiel garantiert ein Weiterkommen. Das englische Wettbüro Ladbrokes, größter Buchmacher der Welt, hat bereits auf die Niederlage reagiert. Ob Betrug oder nicht: Italien ist nicht mehr der Topfavorit auf den Titel. Der heißt nun Brasilien.

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