TV-Experten bei der EM : Fans sind auch nicht schlimmer als Kahn!

Das französische Fernsehen befragt bei der Europameisterschaft Zuschauer zum Spiel, das sollten deutsche Sender auch tun.

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Kompetent oder nur permanent? ZDF-Experte Oliver Kahn.
Kompetent oder nur permanent? ZDF-Experte Oliver Kahn.Foto: dpa

Bixente Lizerazu sieht noch immer unverschämt gut aus. Als Experte und Sidekick für den Livekommentar im EM-Programm des französischen Kanals TF1 angestellt, lacht Lizerazu vor und nach den Spielen so sportlich-elegant in die Kamera, als sei er gerade nach einer gewonnenen Meisterschaft frisch geduscht aus der Kabine gekommen. Dabei hat der 46-Jährige seine Karriere vor vielen Jahren beendet.

Lizerazu ist der Prototyp des TV-Experten, wenn es um Fußball geht. Ex-Spieler, erfolgreich, prominent, beliebt, gut aussehend, nicht auf den Kopf gefallen. Nach diesem Muster suchen sich auch deutsche Sendeanstalten ihre Experten aus. Mit traditionell doch recht bescheidenem Erfolg.

Das Konzept ist eine herrliche Steilvorlage

All der Lizerazus, Djorkaeffs und Co. zum Trotz setzt zumindest der Sender TF1 bei dieser EM auf ein zusätzliches Experten-Konzept, das so naheliegend ist, dass es vermutlich deshalb noch keiner deutschen Übertragungsanstalt in den Sinn gekommen wäre. Nach den Spielen, wenn die ersten Stimmen und Meinungen eingeholt sind, schaltet die Regie vor das jeweilige Stadion, wo bereits ein Moderator mit ein, zwei oder drei Fans wartet. Nicht, um die Anhänger als Jubelperser zu missbrauchen (nichts ist schlimmer als mitanzusehen, wie eine relativ teilnahmslose Menge um einen wartenden Reporter herum steht, nur um dann, wenn die Kameras an sind, wild kreischend auf und ab zu springen), sondern um sie zum Spiel zu befragen. Wie hat das Zusammenspiel zwischen Iniesta und Busquets geklappt? Warum wurde der Torwart so besungen? Eben all das, wozu Fans ebenso viel (oder sogar mehr) beitragen können als die Fußball-Rentner in den Fernsehstudios.

Die Ergebnisse sind wie bei konservativen Experten-Meinungen auch: mal besser, mal schlechter. Die Idee an sich ist allerdings à la bonheur. Und eine herrliche Steilvorlage für die Kollegen in Deutschland.

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83 Millionen potenzielle Kandidaten warten

Dass es hierzulande allerdings noch keine aussagekräftigen Interviews mit dem Anhang gibt, hat seine Gründe. Zunächst ist da die ewige Genervtheit von etablierten Mitgliedern der Fußball-Szene über die Wendehalsigkeit der berühmt-berüchtigten 83 Millionen Bundestrainer. Außerdem: Fans nach dem Spiel sind so eine Sache. Meistens blau, meistens zu euphorisch oder zu geladen – und wer kann schon verhindern, dass die noch blaueren und noch euphorischeren Freunde der Kurzzeit-Experten grölend ins Bild springen oder dem Kameramann Bier in die Buchse gießen?

Hier allerdings sind nicht die Fans in der Pflicht. Sondern die jeweiligen Journalisten. Seine Interviewpartner sorgfältig auszusuchen, gehört zum kleinen Einmaleins und in jeder Kurve der Welt finden sich interessante Typen, die mit einer Mischung aus Expertise, Witz und großer Klappe ein Gewinn für jede Übertragung wären.

Also bitte, liebe deutschen Fernsehsender, probiert es doch mal aus. Schlimmer als das, was die angestellten Reporter und Experten zum Teil von sich geben, kann es auch nicht sein. Zumal die Interviewpartner nicht einen Cent kosten würden, während Oliver Kahn mit seinem EM-Honorar vermutlich eine ganze Kurve im Finale für sich alleine aufkaufen könnte, um von dort dann richtig Druck zu machen. 83 Millionen potenzielle Bundestrainer warten schon.

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