TV-Kritik : Kerners Reisen

Ingo Schmidt-Tychsen über das Kerner-Bashing als üblichen Reflex.

Ingo Schmidt-Tychsen
Johannes B. Kerner - kein "Sportstudio" mehr
Sprechen und fliegen. Kerner.Foto: dpa

Johannes Baptist Kerner fliegt von Peking nach Nürnberg, das sind 7700 Kilometer. Um ein Fußball-Länderspiel zu moderieren, den Knaller: Deutschland gegen Belgien. Ein Testspiel. Sofort im Anschluss geht es wieder zurück, 7700 Kilometer, damit er uns wieder aus Peking bequatschen kann. Ja, geht es denn noch, ZDF? Spielt Geld bei dem öffentlich-rechtlichen Sender denn überhaupt keine Rolle mehr? Beim ZDF heißt es, dass es halt kein unerschöpfliches Reservoir an guten Reportern gebe, es liefen schließlich zwei große Sport-Events gleichzeitig. Aber hätte man nicht einem hoffnungsvollen Talent die Herkules-Aufgabe eines deutschen Fußball-Testspiels anvertrauen können? Dafür hagelt es Kritik. Zu Recht.

Auf Johannes Baptist Kerner wird ebenfalls eingedroschen. Muss der denn in jede Kamera grinsen? Dazu sei er nicht einmal ein richtiger Journalist, sondern nur ein viel zu weicher Moderator. Die üblichen Reflexe, das Kerner-Bashing. Einen Moment: Kerner ist freier Journalist, kein Angestellter des ZDF. Man kann es ihm also schlecht verübeln, dass er auf jedes lukrative Jobangebot eingeht, solange er seine Sache dabei gut macht. Und in der Qualität seiner Arbeit hat sich Kerner zuletzt gesteigert. Im Interview mit dem Sprinter Michael Johnson konfrontierte er den US-Amerikaner mit Doping-Vorwürfen, ohne dass der manchmal arrogant wirkende Star das Studio verließ – wie er das in einer ähnlichen Situation zuvor schon getan hatte. Und in Kerners Plauderei mit Dirk Nowitzki fiel einer der wohl schönsten Sätze bei diesen Spielen: „Ich wollte einer unter vielen sein“, hat der Basketball-Superstar gesagt – deshalb wohne er so gerne im Olympischen Dorf.

Beim ZDF aber stimmt etwas nicht, wenn der Sender, trotz Olympia, keinen Moderator hat, der ein Fußballspiel moderieren kann. Dann muss eben einer ausgebildet werden. Kerner geht wieder auf Sendung. Lächelnd. Nach 15 400 Kilometern. Respekt. 

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