TV-Vermarktung : Bildstörung in der Bundesliga

Nach dem Kartellamts-Bescheid zur TV-Vermarktung ist das Wehklagen groß. Die Profivereine befürchten schwere Umsatzeinbußen - 33 Prozent macht das Fernsehgeld aktuell in den Etats aus. Gerät die Liga international weiter ins Abseits?

Karsten Doneck

BerlinDie Deutsche Fußball-Liga (DFL) ging entschlossen zu Werke. Mit einem äußerst straffen Zeitplan versuchten ihre Vertreter Anfang Oktober 2007 den Delegierten der 36 bundesdeutschen Fußball-Profiklubs ein neues TV-Vermarktungsmodell schmackhaft zu machen, und zwar mit dem Leo Kirch nahestehenden Unternehmen Sirius. Die Aussicht auf horrende Reichtümer sollte den Klubs wohl die Sinne vernebeln: Drei Milliarden Euro, 500 Millionen pro Saison, sollten unter den Vereinen an Fernsehgeldern für den Zeitraum von 2009 bis 2015 verteilt werden. Das Schlaraffenland Bundesliga schien ausgerufen worden zu sein.

Bernd Hoffmann, Vorstandsvorsitzender des Hamburger SV, ging das zu hastig. Er wollte erst einmal in Ruhe das Angebot prüfen und stimmte dagegen – als Einziger. Sieben Enthaltungen gab es noch, dann hatte die DFL die Leo-Kirch-Offerte durchgewinkt. Einziger Haken: Gestern wurde der Deal vom Kartellamt für null und nichtig erklärt (siehe auch Medien, Seite 27, und Meinungsseite).

Nun ist das Wehklagen groß. Aus DFL-Kreisen hieß es, damit sei „die Geschäftsgrundlage nicht mehr existent“, die Fernsehrechte müssten nun möglicherweise neu ausgeschrieben werden. Wie sich Kirch angesichts der neuen Sachlage verhält, ist vorerst ungewiss. Als nahezu sicher gilt indes, dass für die Profivereine, wer immer die Fernsehrechte ab 2009 letztlich erhält, jetzt keine 500 Millionen Euro pro Jahr mehr abfallen werden. Für die abgelaufene Saison 2007/08 brachten die Medienrechte allerdings auch immerhin noch 433 Millionen Euro ein – ohne Leo Kirch und Sirius.

Für die Bundesligaklubs macht das Fernsehgeld längst einen erheblichen Anteil in ihren Saisonetats aus, nach einer Erhebung für die Saison 2006/07 im Durchschnitt knapp 33 Prozent. Wobei die Gewichtung der Fernsehrate in den Etats der Vereine höchst unterschiedlich ist. Bei Werder Bremen liegt der Anteil bei 25 Prozent, für Energie Cottbus beziffert ihn Vereinssprecher Ronny Gersch auf immerhin „40 bis 45 Prozent“. Da die Fernsehgelder bei den Bundesligaklubs auch in Abhängigkeit von der jeweiligen Platzierung der Mannschaften gezahlt werden, strich zum Beispiel Bayern München für 2006/07 aus diesem Topf 29 Millionen Euro ein, Hansa Rostock musste sich mit 13 Millionen begnügen.

Dass jetzt das Milliarden-Geschäft der DFL mit Leo Kirch und Sirius vom Kartellamt gestoppt wurde, macht die Vereine wütend. Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, poltert: „Das ist ein Schlag ins Kontor für den deutschen Profifußball.“ Rummenigge verweist auf einen seit Jahren existierenden Wettbewerbsnachteil gegenüber den als höherwertig eingestuften Ligen aus England, Spanien und Italien. Dort werden Fußballstars in geradezu verschwenderischem Stil eingekauft, dort wird, wie Felix Magath, Trainer des VfL Wolfsburg, sagt, „aber auch viel mehr Geld durch das Fernsehen eingenommen als bei uns“. Rummenigge folgert: „Ich weiß nicht, wie wir so international wettbewerbsfähig sein wollen.“

Andererseits waren Leo Kirchs Bemühungen um die Fernsehrechte für die Bundesliga schon nach dem Bekanntwerden auf Skepsis gestoßen. Schon einmal kooperierten nämlich DFL und Leo Kirch. Mit höchst unglücklichem Ausgang. Als nämlich die KirchMedia Anfang April 2002 in die Zahlungsunfähigkeit geriet, sah sich das Unternehmen auch nicht mehr in der Lage, eine fällige letzte Rate für die Saison 2001/02 in Höhe von 100 Millionen Euro zu zahlen, geschweige denn den bis 2004 laufenden TV-Vertrag zu erfüllen. Damals standen insgesamt 900 Millionen Euro aus, die Kirch-Krise traf.

Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, ahnt dunkel, dass die Klubs bald individuell ihre TV-Verträge aushandeln werden: „Wir haben durch die Zentralvermarktung immer den Solidargedanken gepflegt. Es könnte sein, dass dieses Prinzip jetzt zerstört wird.“ Klar, dass Klubs wie der FC Bayern oder Schalke 04 da bessere Konditionen herausholen könnten als etwa der VfL Bochum oder Energie Cottbus. Rummenigge hat schon mal ausgerechnet, dass der FC Bayern im Falle einer Einzelvermarktung der 17 Bundesliga-Heimspiele um die 100 Millionen Euro einnehmen könnte.

Steffen Heidrich, Manager bei Energie Cottbus, ist sich dieses Ungleichgewichts durchaus bewusst: „Wenn etwas wegbricht, können andere das auffangen. Für uns wird es aber doppelt schwer, das Geld wieder reinzuholen.“

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