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Tweet mit Marvin Plattenhardt : Hertha BSC lehnt Gespräch mit AfD ab

Nach dem Spiel gegen den BVB ärgerte sich Siegtorschütze Marvin Plattenhardt über einen Tweet der Berliner AfD. Auch Hertha ging nun auf Distanz.

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Tweet der AfD: Hertha-Siegtorschütze Plattenhardt mit AfD-Politiker Scheermesser
Tweet der AfD: Hertha-Siegtorschütze Plattenhardt mit AfD-Politiker ScheermesserFoto: Screenshot AfD-Tweet

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist mit ihrem sportpolitischen Programm bislang nicht weiter aufgefallen. Bewährte AfD-Themen sind eher Einwanderungs- und Europapolitik. Dennoch lässt die Partei den Sport nicht links liegen – im Gegenteil. Von der positiven Ausstrahlung großer Klubs wie Hertha oder Eisbären möchte auch die AfD profitieren. Wahrscheinlich vermutet die Partei auch viele potenzielle Wähler unter den Fans. Es geht um das Signal: Wir sind dabei, wenn es etwas zu feiern gibt, wir gehören zu den Siegern.

Am Sonnabend, nach dem Hertha-Spiel gegen Borussia Dortmund, erschien auf dem Twitter-Kanal der AfD-Fraktion ein bemerkenswerter Tweet: „Unser Abgeordneter mit dem Siegtorschützen. Langsam wird die Serie unheimlich“ Dazu das Foto vom Torschützen Marvin Plattenhardt auf der VIP-Couch neben dem AfD-Politiker Frank Scheermesser, der den Daumen reckt. Und der Hashtag-Zusatz „Glücksbringer“. Wobei man das Wort in beide Richtungen interpretieren kann: Hertha bringt der AfD Glück – oder umgekehrt.

Das Wort Serie spielt auf einen früheren Tweet an, auf dem Scheermesser in ähnlicher Pose mit dem Hertha-Torschützen Salomon Kalou zu sehen war. Kalou beschwerte sich offenbar nicht.

Ein harmloses Selfie mit einem Fan, dachte Plattenhardt, als er sich auf die Couch setzte. Nichts Ungewöhnliches, sagt auch Hertha-Sprecher Marcus Jung. Der 25 Jahre alte Fußballprofi kannte Scheermesser nicht. Die Twittergemeinde schon. Als Plattenhardt aufgeklärt war, reagierte er prompt und distanzierte sich von dem Foto: „Danke für den Hinweis. Hatte keine Ahnung, mit wem ich mich da fotografieren lasse“, twitterte er. „Frechheit! Ich distanziere mich klar.“ In einem weiteren Tweet forderte Plattenhardt die AfD dann eindringlich auf, das Foto zu löschen.

AfD-Mann Scheermesser war am Sonntag nicht zu erreichen. Für ihn erklärte Fraktionssprecher Andreas Heinzgen, das Foto werde erst mal nicht gelöscht. Die Aufregung um das Foto sei schwer nachzuvollziehen. Wäre es ein CDU-Politiker gewesen, hätte sich niemand beschwert. „Da wird mit zweierlei Maß gemessen.“

Hertha BSC lehnt Kontaktaufnahme mit der AfD ab

Am Montagvormittag hatte die Fraktion den Tweet noch nicht wie von Plattenhardt gefordert gelöscht. Der Profi kündigte bereits an, möglicherweise einen Rechtsanwalt einschalten zu wollen. „Marvin hat alles richtig gemacht“, sagte Manager Michael Preetz im rbb-Sportplatz. Er habe das gemacht, was die meisten Prominenten machen, Wünsche nach einem gemeinsamen Foto erfüllt. „Wir sollten einen Strich ziehen“, sagte Preetz und stellte klar:„Diese Partei hat genug Aufmerksamkeit bekommen durch ihr Vorgehen. Von unserer Seite gibt es da keinen Wunsch zur Kontaktaufnahme.“

In der Hausordnung des Olympiastadions ist „politische Propaganda“ verboten, speziell „rassistische, fremdenfeindliche, rechtsradikale“ Parolen oder Embleme. Gegen Anhänger der NPD unter den Fans hat Hertha in der Vergangenheit immer klar Position bezogen. Die AfD gibt Hertha bislang offenbar keinen Anlass zur Sorge. „Ich habe diesen Herrn nicht erkannt“, sagte Marvin Plattenhardt am Sonntag nach dem obligatorischen Auslaufen. „Der Herr hat sich mir auch nicht vorgestellt. Ich finde das nicht korrekt, dass dann so etwas gepostet wird.“ Auf die Frage, was er zu tun gedenkt, wenn die AfD-Fraktion dieser Bitte nicht nachkommt, sagte er: „Ich bin kein Rechtsanwalt.“

Selfies ersetzen das klassische Programm

Selfies oder Fotos ersetzen inzwischen oft genug das klassische Autogramm. Die Fußballprofis von Hertha machen da keine Ausnahme, nach praktisch jeder Trainingseinheit werden sie von Außenstehenden gebeten. „Können wir bitte ein Foto machen?“ Die Spieler willigen meist freundlich ein. Ähnliche Versuche wie bei der AfD, mit Spieler-Fotos das eigene politische Image aufzuhübschen, sind Hertha-Sprecher Jung nicht bekannt. Es werde auch keine Empfehlung oder Direktive an die Spieler geben, künftig besser aufzupassen, wer sich neben sie auf die VIP-Couch setzt.

Die AfD sieht das Posting eher als Privatsache des Hertha-Fans Frank Scheermesser an. Weil er keinen eigenen Twitter-Account hat, habe eben die Fraktion das Posten übernommen. Als sportpolitischer Sprecher ist Scheermesser aber auch politisch unterwegs, wenn er ins Stadion geht. Das Ticket erhält er kostenlos. „Es gibt 20 Freikarten für das Abgeordnetenhaus, davon stehen drei der AfD zu“, sagte Heinzgen. Das sei „vertraglich mit dem Senat vereinbart“, ergänzte Jung. Diese „Ehrenkarten“ ermöglichen den Zugang zum VIP-Bereich.

Dorthin wird man von Hertha-Sponsoren eingeladen, oder man bezahlt selber einige hundert Euro. Nach jedem Heimspiel gibt es in der „Players-Lounge“ im Atrium einen kleinen, vom Stadionsprecher Fabian von Wachsmann moderierten Plausch mit einigen Spielern auf der VIP-Couch.

Auch die Eisbären sind Twitter-Thema der AfD

Auch zu den Spielen der Berliner Eisbären twittert die AfD gelegentlich, in diesem Fall war es der Account der Landespartei: „Die Eisbären haben auch gewonnen. So sieht ein anständiger Freitag aus.“ Die Eisbären siegten zuletzt 6:3 gegen die Adler Mannheim. Die Fangemeinde der Eisbären reagierte ablehnend: „Die Eisbären brauchen euch nicht und kommen bestens ohne euch klar.“

Frank Scheermesser, 1958 in Königstein in der Sächsischen Schweiz geboren, ist erst seit 2013 bei der AfD. Vorher war er für die FDP aktiv, davor bei der CDU. 2016 wurde er über die Landesliste ins Parlament gewählt, dort ist er bislang nicht weiter aufgefallen. Von Beruf ist Scheermesser Versicherungs- und Finanzberater sowie Immobilienverwalter.

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