Sport : Typisch deutsche Schweden

Stefan Hermanns

Köln - Man kann nicht unbedingt behaupten, dass Teddy Lucic in der Bundesliga tiefe Spuren hinterlassen hat. Der Innenverteidiger der schwedischen Nationalelf hat in der Saison 2003/04 für Bayer Leverkusen gespielt, wobei spielen angesichts von elf Einsätzen, davon vier in der Startelf, eine sehr wohlwollende Deutung ist. Woran es gelegen hat, ist im Nachhinein nur schwer zu rekonstruieren, möglicherweise an Lucics Einstellung zu seinem Beruf. Am Samstag trifft er mit Schweden im WM-Achtelfinale auf Gastgeber Deutschland, und Lucic hat unmittelbar nach dem 2:2 gegen England und der erfolgreichen Qualifikation seiner Mannschaft für die zweite Runde eine sehr eigensinnige Vorschau auf diese Begegnung geliefert: Für die Schweden werde das Spiel gegen die Deutschen ein „fun game“. Hallo!? Das Achtelfinale einer Weltmeisterschaft als Spaßveranstaltung?

Die Deutschen sollten sich von solchen Aussagen nicht in die Irre führen lassen. Vor dem Spaß kommt auch bei den Schweden der Ernst, in dieser Hinsicht sind sie ihrem Achtelfinalgegner nicht unähnlich. Ohnehin lassen sich im Spiel der Schweden einige typisch deutsche Elemente erkennen – oder zumindest das, was einmal als typisch deutsch galt. Deutscher als die Schweden gegen England hätte auch das Original kaum spielen können. „Aus dem Spiel heraus haben die nicht einmal aufs Tor geschossen“, sagte Englands Mittelfeldspieler Owen Hargreaves, der als Angestellter des FC Bayern mit den Eigenheiten des deutschen Fußballs durchaus vertraut ist. Das 1:1 durch den früheren Rostocker Marcus Allbäck resultierte aus einem Eckball, Larssons Treffer zum 2:2-Endstand in letzter Minute entsprang einem Einwurf, „ein merkwürdiges Tor irgendwie“, sagte Hargreaves.

Es war das zweite Mal im dritten Spiel, dass den Schweden in der Schlussphase der entscheidende Treffer gelang. Gegen Paraguay hatte Fredrik Ljungberg in der Nachspielzeit das 1:0 erzielt. „Das war der Hauptgrund, warum wir weitergekommen sind“, sagte Mittelfeldspieler Mattias Jonson. „Wir haben gezeigt, dass wir Spiele drehen können. Unsere Kraft reicht für ewig.“ Gegen die Engländer hatten die Schweden in der ersten Halbzeit noch ihre spielerischen Mängel offenbart. Ihnen fehlt im zentralen Mittelfeld eine überdurchschnittliche Begabung, die ihr Spiel strukturiert. Nach der Pause kompensierten sie diesen Mangel durch ihren Willen und pure physische Kraft. „Meine Spieler haben schon häufiger gezeigt, welchen Charakter sie haben“, sagte Nationaltrainer Lars Lagerbäck.

Charakter, Kraft, Wille – man kennt das von der deutschen Elf, genauso wie Tore in letzter Minute und durch Standardsituationen. Das Schweden 2006 ähnelt jedoch mehr dem Deutschland der Ära Völler als der Klinsmannschaft. Lagerbäck denkt im Zweifel defensiv, gegen England ließ er den offensivstarken Christian Wilhelmsson, der zu den erfreulicheren Erscheinungen im schwedischen Team gehört hatte, auf der Bank und entschied sich im rechten Mittelfeld für die vorsichtigere Variante mit Mattias Jonson.

Möglicherweise fehlt den Schweden nur ein offensives Erweckungserlebnis, und möglicherweise ist die zweite Halbzeit gegen England dieses Erweckungserlebnis gewesen. Das schwedische Spiel entwickelte eine Wucht, der die Engländer wenig entgegensetzen konnten. „Noch ein paar Minuten länger, und wir hätten das 3:2 gemacht“, sagte Wilhelmsson. Ob das Spiel nicht gezeigt habe, dass die Schweden mit einer offensiven Ausrichtung stärker seien, wurde er gefragt. Wilhelmsson, der offensive Mittelfeldspieler, sagte: „Ja.“

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