U-19-Nationalmannschaft : "Die Mentalität von Siegern“

DFB-Sportdirektor Sammer über die jungen deutschen Fußball-Europameister – ob sie zu schützen sind, wie sie gefördert werden können und wie man Erfolg planen kann.

Die jungen Europameister
Die Jungen haben es den Alten vorgemacht - so jubeln Europameister. -Foto: AFP

Herr Sammer, die deutsche U-19-Mannschaft ist Europameister geworden. Konnte man im Finale schon die Zukunft des deutschen Fußballs spielen sehen?

Hoffentlich. Wir haben auf alle Fälle eine Mannschaft gesehen, die Siegermentalität ausgestrahlt hat. Auch in Unterzahl war bei jedem Spieler die Bereitschaft da, nicht nur zu verteidigen, sondern weiter nach vorn zu gehen. Die Mannschaft war fit, auf einem technisch und taktisch guten Niveau. Aber am Ende entscheidet in einem Endspiel die Mentalität.

Kann man Siegermentalität trainieren?

Natürlich. Zunächst ist es wichtig, eine Hierarchie aufzubauen. Schon lange vor dem Turnier haben wir mit Trainer Horst Hrubesch die Spieler eingeteilt: Wer sind die Leader, die Individualisten, welche Spieler überzeugen mit Fleiß, welche braucht man als Wasserträger? Dann muss man die jeweiligen Fähigkeiten fördern, also den Individualisten ihren Raum lassen und die Führungsfiguren stärken. Das hat sehr gut funktioniert. Die Zwillinge Lars und Sven Bender sowie Kapitän Florian Jungwirth wurden von der Mannschaft als Leader anerkannt. Solch einen Prozess kann man nicht befehlen, man muss ihn analysierend begleiten.

Ist denn Horst Hrubesch der richtige Trainer dafür?

Aus Horst Hrubesch wird sicherlich kein Talkmaster mehr. Aber er arbeitet sehr akribisch und pflegt seinen Spielern gegenüber eine direkte, klare Ansprache. Das imponiert mir. Und seine Jungs merken: Dem kommt es auf die Inhalte an, auf die konkrete Verbesserung.

Ist Erfolg im Jugendfußball planbar?

Unsere Ziele bis hinunter in die U-15-Nationalmannschaft lauten: Professionalisierung und Individualisierung. Darum haben wir vor der U-19-Europameisterschaft nicht weniger als drei DFB-Lehrgänge absolviert. Wir haben den Spielern nach jedem Treffen auch konkrete Hausaufgaben mitgegeben, wie sie an sich arbeiten können. Die haben wir dann mithilfe unser Diagnostik überprüft. Ja, Leistung ist planbar. Ob dann Erfolg dabei herauskommt, das hängt noch von anderen Dingen ab – wie eben der Mentalität.

Wie kann man die Karriere der jungen Europameister weiterplanen?

Auf diese wichtige Frage gibt es von mir eine knallharte Antwort: Dieser Titel muss den Spielern Mut geben, Selbstvertrauen. Aber er muss ihnen auch Verpflichtung sein. Sie gehören nun zu den Besten Europas – das ist ein Schatz, mit dem man als junger Fußballer umzugehen lernen muss. Denn jetzt geht’s erst richtig los.

Wovor muss man junge erfolgreiche Fußballspieler schützen?

Man muss sie nicht beschützen, man muss ihnen sagen: Du bist für Deinen Weg allein verantwortlich! Du kannst schon Titel gewinnen, aber jetzt musst Du noch härter an Dir arbeiten!

Haben Sie sich das 1986 auch gesagt, nachdem Sie mit der U-18-Nationalmannschaft der DDR Europameister geworden sind?

Auch wenn Sie vielleicht lachen: Für mich war das der wichtigste Titel meiner Karriere. Diesen Pokal in den Händen zu halten, war ein unglaublich wichtiges Gefühl. Man ist ja noch jung, und man merkt: Du kannst wirklich gewinnen, wenn es drauf ankommt. Aber ich habe mir damals gesagt: Jetzt erst recht!

Wie kann man verhindern, dass die Spieler jetzt abheben?

Es ist schon ganz gut, dass im nächsten Jahr die U-20-WM stattfindet. So wie ich Horst Hrubesch kenne, wird er jetzt richtige Zeichen setzen. Er wird mehr verlangen, weiter für Reibung sorgen. Gegenüber den Spielern ist es wichtig, Hilfestellungen anzubieten für die weitere Karriere. Aber wenn einer nicht mitzieht, sollte er sich auf was gefasst machen. Horst Hrubesch wird genau das tun. Denn er ist unbequem und gerecht.

Glauben Sie, dass man die Spieler später in der Nationalmannschaft wiedersieht?

Auch für Europameister gilt: Die sensibelste Phase ist der Übergang vom Jugend- in den Männerbereich. Gerade jetzt braucht es Spielpraxis und klare Ziele. Auf die jungen Spieler strömt viel ein: der erste große Vertrag, vielleicht eine Familie. Sie müssen wissen: Wenn sie Mitte 30 sind und halbwegs im Leben stehen, dann geht die Karriere jäh zu Ende. Darauf sind viele nicht vorbereitet.

Der neue Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann bemängelt, dass es keine Berufsausbildung für Fußballer gibt. Ein Manko?

Wir haben hier in der Tat noch viel zu tun. Wichtig ist, dass schulische und sportliche Ausbildung parallel nebeneinander laufen. Bei uns früher in der DDR wurden Schule und Studium dem Sport angepasst, da konnte man neben dem Leistungstraining das Abitur machen – in fünf Jahren statt in zwei Jahren. Heute spielen zu viele nur noch Fußball, und die geistige Entwicklung hinkt hinterher.

Haben Sie etwa Angst, dass Sie irgendwann keinen Nachfolger finden?

(lacht) Angst nicht. Aber mein Credo lautet: Der deutsche Fußball muss Persönlichkeiten ausbilden – auf und neben dem Spielfeld.

Das Gespräch führte Robert Ide.

Matthias Sammer, 40, ist als Sportdirektor des Deutschen Fußball- Bundes (DFB) für den Nachwuchs zuständig. Als Spieler wurde der gebürtige Dresdner 1996 Europameister.

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