U 21 : Man denkt deutsch

Die deutsche U-21-Nationalelf ist ein gutes Beispiel für die Integrationskraft des Fußballs. Beim ersten EM-Spiel in Schweden standen neun Spieler auf dem Platz, die nicht-deutsche Wurzeln haben.

Gregor Derichs[Göteborg]
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Neun aus elf. Nur Torwart Neuer und Höwedes (Nummer 4) haben keinen Migrationshintergrund, bei den übrigen Spielern der...Foto: nordphoto

Als die elf deutschen U-21-Nationalspieler aufgereiht vor der Haupttribüne standen und nur wenige von ihnen die deutsche Nationalhymne mitsangen, checkte Oliver Bierhoff das Team einmal durch. „Ich habe gesehen, dass der Fußball einen starken Integrationscharakter hat“, sagte der Manager der Nationalmannschaft. Neben ihm saß Bundestrainer Joachim Löw. Das Duo bekam eine längst bekannte Tatsache beim ersten Gruppenspiel der U-21-Europameisterschaft in Göteborg noch einmal bestätigt: Die Auswahlteams des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) werden immer internationaler. Das Junioren-Team, das heute gegen Finnland (18.15 Uhr, live im ZDF) sein zweites Gruppenspiel bestreitet, bestand zum Auftakt gegen Spanien aus neun Spielern, die nicht in Deutschland geboren sind oder nichtdeutsche Wurzeln haben.

„Sie können alle ausreichend Deutsch. Wir können uns verständigen“, sagt Manuel Neuer. Nur er und sein Schalker Kollege Benedikt Höwedes besitzen zwei deutsche Elternteile und sind in Deutschland geboren. „Ich bin ein Ruhrgebietskind und hatte schon in der Schule viel mit Immigranten zu tun und mich mit ihnen gut verstanden“, sagt Neuer. Immigranten, Migration, Integration – die Begriffe sind geläufig geworden. Dass dennoch eine Abgrenzung bestehen bleibt, lässt Neuer erkennen. „Im Verein haben wir auch viele Ausländer. Im A-Team ist es auch nicht anders.“ Die Bezeichnung „Ausländer“ für Mitspieler in der A-Nationalmannschaft lässt der DFB nicht gelten.

„Wir müssen die Kinder mit Migrationshintergrund abholen“, sagt Bierhoff. Für ihn und Löw ist klar: Wer für den DFB spielt, ist Deutscher, unabhängig vom Namen oder der Hautfarbe. Bei einigen weisen nur die Namen auf Wurzeln jenseits deutscher Grenzen.

Gonzalo Castro ist in Wuppertal geboren und wurde in Leverkusen von Bayer zum Fußballprofi sowie zum Sport- und Fitnesskaufmann ausgebildet. Spanisch sind eigentlich nur seine Eltern. Sami Khedira ist Stuttgarter mit schwäbischem Akzent und bekennt sich zu Deutschland. „Auch mein tunesischer Vater ist stolz darauf, dass ich für Deutschland spiele.“ Mesut Özil ist in Gelsenkirchen geboren und Deutschtürke wie die Altintop-Brüder und Yildiray Bastürk – mit dem Unterschied, dass die sich für die Türkei entschieden haben. Ob Özil gegen die Finnen spielen kann, ist freilich unklar. Er fehlte am Mittwochabend beim Abschlusstraining, weil er Rückenprobleme hatte.

Bei anderen DFB-Junioren verschleiern die deutschen Namen die Herkunft: Marko Marin wurde in Bosnien-Herzegowina geboren, Andreas Beck stammt aus Westsibirien, Sebastian Boenisch aus Gliwice (Polen). Im aktuellen DFB-Nachwuchs gibt es aber nicht nur osteuropäische Einflüsse: Dennis Aogo hätte auch für Nigeria spielen können. „Ich wurde auch schon eingeladen. Für mich stellte sich die Frage nicht. Ich habe mich immer zu Deutschland bekannt.“ Aogo ist in Karlsruhe geboren, fühlt und denkt so deutsch wie Neuer, Khedira oder Beck.

Jerome Boateng, ein Berliner mit ghanaischem Vater, oder Änis Ben-Hatira, tunesischer Abstammung und ebenfalls in Berlin geboren, beschreiben ihre Bindung zu Deutschland ähnlich wie Aogo. In Berlin aufgewachsen ist auch der in Teheran geborene Ashkan Dejagah, der wegen seiner Herkunft die Teilnahme an einem Spiel gegen Israel verweigert hat. Danach wurde ihm klar gemacht, dass ein Spieler, der das deutsche Trikot trägt, ohne Bedingungen zur Verfügung zu stehen hat.

Vor zwei Wochen hat der Weltverband Fifa beschlossen, dass es keine Altersbegrenzung für einen Wechsel in ein anderes Nationalteam mehr gibt. Wer in der A-Nationalmannschaft noch kein Pflichtspiel bestritten hat, kann wechseln, wenn er die passende Staatsangehörigkeit besitzt. Bisher durfte er höchstens 21 Jahre alt sein. „Das ist keine glückliche Lösung“, sagt Bierhoff. Der Schalker Jermaine Jones, der drei Länderspiele für Deutschland bestritten hat, von Löw aber zuletzt nicht mehr berücksichtigt wurde, will künftig für die USA spielen. Bierhoff fürchtet, die Nationalität könnte zur Verhandlungssache verkommen. Die Berater könnten die Spieler anhalten, mit dem Wechsel zu drohen, um Druck auf die Verbände auszuüben. „Auf solche Kuhhandel lassen wir uns nicht ein“, sagt Bierhoff. Andererseits weiß er auch , dass nicht jeder, der beim DFB ausgebildet wird, zum deutschen A-Nationalspieler werden kann.

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