Sport : Über alle Hindernisse

Hürdensprinterin Kirsten Bolm ist mit 30 Jahren noch vorne dabei

Friedhard Teuffel

Berlin - Kirsten Bolm hat sich auf jeden Fall die richtige Disziplin ausgesucht, denn in den letzten Jahren standen ihr wohl so viele Hürden im Weg, wie sie in jedem Rennen über 100 Meter überspringen muss. Ihre Strecke ist also ein Symbol, und ihre Karriere als Hürdensprinterin erzählt viel davon, wie es ist, sich mit den Verhältnissen zu arrangieren.

Zuletzt musste sie sich daran gewöhnen, als Auslaufmodell zu gelten. Für den A-Kader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes hatte es nicht mehr gereicht, als Zukunftshoffnung galt sie mit ihren 30 Jahren auch nicht mehr. Dennoch hat sie sich noch einmal aufgerafft zu einer famosen Leistung. In Helsinki bei der Weltmeisterschaft wurde sie vor drei Wochen Vierte. „Der vierte Platz ist genau das, was man von mir erwarten konnte“, sagt Kirsten Bolm. Sie sei damit „superglücklich“, obwohl sie nur um sechs Hundertstelsekunden an einer Medaille vorbeilief. „Aber Fünfte wäre ich nicht so gern geworden.“

Ihr Erfolg von Helsinki ist eine reife Leistung, die sie zwischenzeitlich selbst nicht mehr für möglich gehalten hätte. Dazu war sie in den vergangenen Jahren einfach zu oft verletzt. Bei den Olympischen Spielen in Athen zog sie sich im Vorlauf einen Muskelfaserriss zu. „Ich war zwei Jahre hauptberuflich Patient.“

Kirsten Bolm hatte jedoch schon davor gelernt, sich mit Widrigkeiten zurechtzufinden. Es fing im Grunde schon früh an. Bolm kommt aus Niedersachen und sagt: „Niedersachsen ist nicht das beste Pflaster für den Leistungssport.“ Dennoch wurde sie mit 19 Jahren Weltmeisterin der Junioren. Anfang zwanzig wagte sie dann einen großen Schritt. Sie ging zum Studieren und Sporttreiben nach Amerika. Dort landete sie jedoch an keiner gewöhnlichen Universität. Das Leben an der Brigham Young University im Bundesstaat Utah funktioniert nach den Regeln der Mormonen. „Ich musste den Honor Code der Mormonen befolgen, durfte keinen Kaffee und keinen Alkohol trinken, nicht rauchen und nicht bei einem Jungen übernachten.“ All das lernte sie zu ertragen und absolvierte 2001 schließlich ihren Bachelor in Psychologie.

Mit dem Studieren hat sie in Mannheim weitergemacht. Nur noch ihre Abschlussarbeit fehlt ihr zum Diplom der Psychologie. Wenn sie fertig ist, will sie als Psychologin Familien oder Ehepaare beraten. Doch vorher hat sie noch ein paar sportliche Ziele, gerade weil es in Helsinki so gut geklappt hat. Bei der Europameisterschaft im nächsten Jahr in Göteborg hat sie beste Aussichten auf eine Medaille.

Es gibt noch etwas, mit dem sich Kirsten Bolm arrangiert, oder vielleicht besser abgefunden hat: mit dem halbherzigen Kampf gegen Doping. „Es ist ein Sumpf, von dem man nicht weiß, wie tief er überhaupt ist.“ Für ihren Erfolg bei der WM hat sie jedenfalls auch eine sarkastische Erklärung: „Vielleicht war die WM den anderen im nacholympischen Jahr nicht so wichtig, oder sie sind vom Stoff weggeblieben.“

An manchen ihrer Konkurrentinnen seien ihr die körperlichen Veränderungen massiv aufgefallen. Die Muskeln bei anderen Athletinnen wüchsen unglaublich schnell, die Haut werde immer dünner und sei dennoch nicht für Cellulite anfällig. Der Weltverband habe dennoch überhaupt kein Interesse daran, intensive Kontrollen zu machen. „Die wollen nur ihre Superstars haben“, sagt Bolm. Mehr will sie dazu nicht sagen. Kirsten Bolm versucht, nur noch auf die eigene Bahn zu schauen.

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