Sport : Über dem Verfallsdatum

Daniel Pontzen

Es war Samstag, kurz vor halb sechs im Olympiastadion, nach Heimsiegen des FC Bayern also die Zeit, in der die bekannteren Vereinsangehörigen der ganzen Republik die eigene Stärke erklären. Diesmal war es anders. Einen Sieg hatte es gegeben, 3:0 gegen den 1. FC Köln, doch es machte sich Ernüchterung breit. "Mit solchen Leistungen werden wir weder gegen Real Madrid noch in der Bundesliga unsere Ziele erreichen", sagte Klubchef Karl-Heinz Rummenigge, und es klang fast ein wenig nach wehmütigem Abschiednehmen vom Nabel der Fußballwelt: den Punkterückstand auf den Rivale Bayer Leverkusen nicht verkürzt und selbst Fußball abgeliefert, der übers Verfallsdatum geraten schien. Die Meisterschaft ist in ungekannte Ferne gerückt.

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Und wie auf Knopfdruck legen sie nun wieder los mit den Schuldzuweisungen. Allen voran Giovane Elber. Der launische Star ließ kräftig Dampf ab, und zur Zielscheibe seiner Kritik wurde Trainer Ottmar Hitzfeld. "Ich war schon sauer, dass ich gegen Nantes nicht gespielt habe", kritisierte Elber den Trainer für die jüngste Zwangspause in der Champions League und schmollte: "In der ersten Hälfte habe ich heute keine Lust gehabt." Schon beim Champions-League-Klassiker gegen Manchester United war Bayerns erfolgreichster Torschütze ein Opfer des ungeliebten Rotationssystem gewesen und nur eingewechselt worden. Ottmar Hitzfeld lässt die Kritik nicht auf sich sitzen. "Das ist unprofessionell, wenn man sagt, dass man keinen Bock hatte zu spielen", sagte er. Die Rotation sei angesichts der vielen Spiele ein Muss. "Das hat man zu akzeptieren", so Hitzfeld. Er wolle die Sache aber "nicht dramatisieren", weshalb er auch auf eine Geldstrafe für Elber verzichten wolle.

Und wenn beim FC Bayern schon mal Tacheles geredet wird, dann muss, logisch, auch Franz Beckenbauer seinen Senf dazugeben. "So ein überhebliches Gekicke mag ich gar nicht", polterte der Herr Präsident nach dem Sieg gegen Köln und prangerte die Berufsauffassung seiner Angestellten in kurzen Hosen an. "Das sind Profis, die hoch bezahlt sind, da sollen sie sich bewegen. Ich hatte bei einigen in der ersten Halbzeit den Eindruck, dass sie sich eine Lungenentzündung abgeholt haben."

Ein Schwachpunkt war Stefan Effenberg. Der hatte seine fußballerischen Glanzmomente erst am Samstagabend - bei seinem Auftritt bei "Wetten-Dass ... ?" Beim FC Bayern ist er derzeit nicht der Fixpunkt, an dem sich die Mannschaft orientieren kann. Doch der Kapitän erhofft sich eine Steigerung, wenn es gegen Europas Elite geht. "Gegen Real wird es ein ganz anderes Spiel", versprach Effenberg Besserung für das Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid. Doch Rummenigge legt der Mannschaft auch in der Bundesliga eine baldige Steigerung nahe: "Man muss den Alltag meistern, wenn man Meister werden will." Und da sei man gegen Köln über weite Strecken "absolut schwach" gewesen.

Fans des FC Bayern indes mag ein anderer Umstand Unbehagen bereiten: Torwart Oliver Kahn, der in der Vorwoche mit wissendem Ton die vierte Meisterschaft angekündigt hatte, modelte seine Einschätzung zu den eigenen Titelaussichten in ein vages "Man muss immer dran glauben"-Gelübde ab. Ein sicheres Zeichen, dass es nicht gut steht um die Titelchancen der Bayern im Jahre 2002.

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