Sport : Über die etwas skurrile Rückkehr einer einst geächteten Eiskunstläuferin

Gunnar Meinhardt

Die "Eis-Hexe" strahlt wieder. Dazu hat sie auch allen Grund. Mit einer nahezu perfekten Kür meldete sich Tonya Harding am Dienstagabend (Ortszeit) bei den US-Titelkämpfen der Profis in Huntington im Bundesstaat West Virginia nach über fünfjähriger Zwangspause als Zweitplatzierte eindrucksvoll in der Welt des Eiskunstlaufens zurück. "Ich hatte vergessen, wie ich die Schritte auf dem Eis setzen muss. Doch jetzt bin ich happy. Ich werde diesen Tag nie vergessen. Und ich werde auch diesen Wettkampf niemals vergessen", sagte die 28-jährige Amerikanerin im Hochgefühl des vollkommenen Glücks. Dieses wurde auch nicht getrübt durch die französische Ex-Europameisterin Surya Bonaly, der sie als einzige den Vortritt lassen musste.

Die fast 6000 Zuschauer fassende Arena in Huntington war zwar nur halb besetzt, doch fast alle, die Augenzeugen des spektakulären Comebacks waren, feierten die reumütige Rückkehrerin für ihre gelungene Darbietung mit stehenden Ovationen. Einige schrien gar "Tonya, wir lieben dich". Die Bejubelte antwortete mit unzähligen Handküsschen. Am Vortag war sie beim Kurzprogramm noch zwei Mal aufs Eis gestürzt und schien gänzlich am Boden zu sein. 24 Stunden später jedoch hatte die Blondine ihre Nerven besser im Griff. Sicher drehte sie ihre Pirouetten, problemlos stand sie ihre drei Dreifach-Sprünge.

"Heute war es leichter. Ich war viel entspannter", berichtete sie. In der Kurzkür dagegen sei alles viel emotionaler gewesen. "Vor allem war ich mächtig aufgeregt", sagte sie zu den über 50 Journalisten aus dem In- und Ausland, "wie die Gegnerinnen und Zuschauer auf mich reagieren würden." Sowohl die einen als auch die anderen machten ihr den Neuanfang leicht. Von beiden Seiten gab es kein gehässiges Wort. Von den Konkurrentinnen, die sich vor wenigen Monaten noch weigerten, gegen sie anzutreten, wurde sie herzlich umarmt und beglückwünscht. "Sie war meine Freundin, und ich freue mich, dass sie wieder dabei ist", meinte Surya Bonaly.

Genau vor fünf Jahren und 235 Tagen war Tonya Harding letztmalig bei einem Wettbewerb zu sehen. Nach ihrem achten Platz bei den Olympischen Winterspielen in Lillehammer wurde sie wegen der Beteiligung am "Eisenstangen-Attentat" an ihrer Rivalin Nancy Kerrigan von den Amateuren verbannt. Während dieser Auszeit hat sie sich offenbar zu einer einsichtigen, reifen Frau entwickelt. "Ich gab meine Fehler zu, und ich will, dass die Leute wissen, dass ich eine gute Person mit einem guten Herzen bin", betonte die Athletin, die sich nun zu einer tiefgläubigen Christin gewandelt haben soll. Für den Anschlag, den ihr Ex-Mann Jeff Gillooly geplant und Leibwächter Shane Stant ausgeführt hatte, wurde sie zu einer Geldstrafe von 160 000 Dollar und 500 Stunden Sozialarbeit verurteilt. Der amerikanische Amateur-Eiskunstlauf-Verband sperrte sie zudem lebenslang.

Mit diversen suspekten Arrangements hatte Tonya Harding seitdem um ihre öffentliche Rehabilitierung gebuhlt. Sämtliche Versuche schlugen allerdings fehl. Auch die à la Hollywood inszenierte Versöhnung mit Nancy Kerrigan brachte ihr kaum Sympathiepunkte ein. Ob nun für sie nach der Vize-Meisterschaft, bei der sie Rory Burghart, Tonia Kwiatkowski und Elizabeth Manley auf die Plätze verwies, das ersehnte neue, zweite Leben beginnen wird, muss abgewartet werden.

Tonya Harding selbst wollte darüber so kurz nach dem Championat, für das sie eine Antrittsgage von 20 000 Dollar erhalten hat, nicht weiter nachdenken. "Heute ist ein neuer Anfang gewesen", entgegnete die in Vancouver (Washington) mit ihrem Freund Darren lebende US-Titelträgerin von 1991 und 1994.

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