Sport : Über die Flügel zum Erfolg

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Vierundsechzig Spiele samt und sonders in voller Länge angesehen, und das jeweils zweimal – kein Wunder, dass Roland Loy müde ist. Der Münchner, der mit seinen systematischen Analysen von Fußballspielen jahrelang nicht nur die vielzitierte Datenbank der Fußballsendung „ran“, sondern auch den früheren Trainer des FC Bayern München, Franz Beckenbauer, mit strategischen Informationen versorgte, hat sich die Fußballweltmeisterschaft 2002 vorgenommen und von der Spieltaktik über die Schiedsrichterleistung bis hin zur Qualität der Expertenkommentare durchleuchtet.

Auch Roland Loy ist nicht frei von Fehlern – Dänemark stürmte ihm zufolge als einziges Land mit drei Angreifern, wobei er Argentinien vergaß – und besteht mitunter zu nüchtern auf formaler Korrektheit. So bescheinigte er einem Kommentator, der Oliver Kahn auf der Suche nach einer anschaulichen Beschreibung als den „meistbeschäftigten Mann auf dem Rasen“ bezeichnet hatte, ein klares Fehlurteil, da Torhüter „leistungsdiagnostischen Untersuchungen“ zufolge eben die am wenigsten beschäftigten Spieler auf dem Platz seien.

Doch die allermeisten von Loys Erkenntnissen sind ebenso nachvollziehbar wie interessant, erlauben es, die WM noch einmal zu durchleben und zu verstehen. Nachfolgend sind die wichtigsten seiner Schlussfolgerungen aufgelistet:

Über die Flügel zum Erfolg: Ab dem Achtelfinale wurden 20 von 26 Toren über die Außenpositionen vorbereitet. Nach einem Pass-Spiel durch die Mitte fiel nur durchschnittlich alle zwei Stunden ein Tor.

Der Schlussmann greift daneben: Nicht weniger als 11,2 Prozent aller Tore fielen aufgrund schwerer Torwartfehler. 1998 waren es nur 5,8 Prozent.

Es gibt doch noch Kleine: Sicherlich haben die kleinen Fußballnationen weiter aufgeholt, doch blieben von den vier ganz Kleinen (China, Saudi-Arabien, Südkorea und Japan ) zwei ohne Tor und Punkt, zwei profitierten von vielen außergewöhnlichen Faktoren wie Heimvorteil, Adaption an das Klima, lange gemeinsame Vorbereitungszeit und Schiedsrichterentscheidungen.

Der Star ist die Mannschaft: Diverse Teams, die den Mannschaftsgeist besonders zu kultivieren wussten, kamen im Turnier vergleichsweise weit (Irland, Dänemark, Schweden, USA, Japan, Südkorea, Deutschland), was wiederum Spielmacher klassischer Prägung kaum mehr in Erscheinung treten ließ.

Die Dreier-Kette holt auf: Galt bei der letzten WM die Vierer-Abwehrreihe noch als Nonplusultra, hat diesmal mehr als ein Dutzend Teams mit einer Dreier-Kette gespielt und dadurch im Mittelfeld einen zusätzlichen Mann frei gehabt.

Der Libero stirbt aus: Mit Russland (Viktor Onopko) und Slowenien (Marinko Galic oder Zeljko Milinovic) spielten nur noch zwei Teams mit einem freien Mann.

Flexibilität ist Trumpf: Das gilt sowohl für gesamte Mannschaften als auch für einzelne Spieler. Deutschland wechselte beispielhaft mehrfach zwischen dem 3-5-2-System und der 4-4-2-Aufstellung. Daneben gab es diverse Spieler, die im Laufe des Turniers auf verschiedenen Positionen eingesetzt wurden: Niko Kovac (Kroatien) auf der rechten Außenbahn und im zentralen Mittelfeld, Christian Panucci (Italien) in der Abwehrkette und im linken Mittelfeld oder Jon Dahl Tommason (Dänemark) im offensiven Mittelfeld und im Sturm.

Der Pfosten bleibt frei: Nicht nur Weltmeister Brasilien verzichtete bei gegnerischen Eckbällen darauf, die Torpfosten mit Spielern zu besetzen, hatte damit mehr Spieler in Ballnähe.

Afrika bleibt schwach: Wie schon bei der zurückliegenden Weltmeisterschaft erreichte mit Senegal nur eines von fünf afrikanischen Teams das Achtelfinale, die anderen überzeugten nicht.

Schiedsrichter sind schlecht wie selten: Seien es Abseits, Tätlichkeiten, Schwalben oder verfrühtes Betreten des Strafraumes – die Spielleiter lagen auffällig oft daneben.

Auch das Fernsehen macht Fehler: Zweifelhafte Statistiken wie etwa die Zweikampfwerte eines Spielers nach 37 Spielminuten fielen auf. Manchem Kommentator fehlte die Regelsicherheit (“Der Torwart geht entgegen – das wird nicht mehr abgepfiffen heutzutage“, hieß es einmal fälschlicherweise bei einem Elfmeter), sprachliche Schmankerl wie Johannes B. Kerners „Ein handelsübliches Sauerstoffzelt reicht für Duff nicht aus“ blieben selten.

Trau nicht jedem Experten: So mancher Fußballfachmann wiederholte unreflektierte Aussagen zu taktischen Zusammenhängen, deren Wahrheitsgehalt keiner Überprüfung standhält – die der unbedarfte Zuschauer aber trotz allem glaubt: „Die deutsche Mannschaft hatte bei diesem Turnier ihre Stärken bei Standardsituationen“ (Nach dem Spiel gegen Saudi-Arabien konnte die DFB-Elf nur ein einziges Tor dieser Art erzielen), „Hierro und Nadal haben Probleme bei flachen Bällen“ (Bei fast jedem Spiel der Spanier zu hören, wurde diese Feststellung doch nie belegt) oder „50 Prozent aller Tore fallen aus Standardsituationen“ (langfristigen Studien Loys und der FIFA zufolge sind es 28 bis 30 Prozent). Martin E. Hiller

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